Ende August bis Anfang September beginnt unsere Tour unter dem Titel „Zurück nach Paris“. An den Auftritten in Osnabrück, Hannover, Langenhagen, Bielefeld und Braunschweig beteiligen sich vorlesenderweise auch FreundInnen der Alltagskritik. Unter anderem wird der folgende Text, der sich mit der Tour den Titel teilt, zur Anwendung kommen:

Zurück nach Paris – über Kunst und Befreiung (15. August 2007)

von Brez

Rückkehr ist in dieser Zeit des ziellosen Fortschritts ebenso verpönt und geächtet wie jede Form des Innehaltens und der Erinnerung. Die Fehlfarben haben dies mit der ihnen eigenen Ironie sehr schön auf den Punkt gebracht: Geschichte wird gemacht, es geht voran! Gegen das blinde Mitmachen, das Vorangehen im Gleichschritt, richtet sich unsere Kunst. Sie soll vielmehr die Drehung des Hamsterrades anhalten, den persönlichen Momenten von Leid und Glück ihre Bedeutung und Magie zurückgeben und die geschichtlichen Hintergründe der Kunst bewahren. Eine Geschichte, die vordergründig immer die Geschichte der Herrschenden war. Walter Benjamin bemerkte dazu: „Wer immer bis zu diesem Tag den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter.“ Kritische Kunst hat hingegen die Aufgabe, den Triumphzug der Alltäglichkeit zumindest zu behindern, das Band zwischen den Opfern von heute und damals ans Tageslicht zu bringen und das zu sagen was war, was ist und was sein könnte. In diesem Sinne kehren wir zurück nach Paris.

In das Paris von 1789 als mit dem Sturm auf die Bastille der Sturz der vormodernen aristokratischen Herrschaft begann. Die Ständegesellschaft fiel zugunsten einer Freiheit des Einzelnen, einer Freiheit des Bürgers, die sich z.B. in der Idee persönlicher Rechte für alle Menschen niederschlug. Auch die Kunst sollte nun frei sein und nicht länger dem Vergnügen des Adels und der Lehre der Kirche unterworfen bleiben. L’art pour l’art – die Kunst für die Kunst – hiess es wenige Jahrzehnte später, ebenfalls in Paris. Die Geschichte löste die Versprechen der französischen Revolution nicht ein. Die politische Freiheit der Einzelnen fand ihre Grenze an der sozialen Unfreiheit in der entstehenden Klassengesellschaft und der abstrakten Gleichheit auf dem kapitalistischen Markt. Auch die vorgeblich freie Kunst fiel den Verhältnissen erneut zum Opfer, wurde ebenso wie Menschen und Güter zu einer Ware und als Luxus zum Privileg der Bourgeoisie.

Eine Antwort des entstehenden Proletariats, der von Leibeigenschaft und Lebensgrundlage Befreiten, erfolgte 1871 in Gestalt der Kommune von Paris. 10 Tage lang hielt sich der Aufstand der Pariser Bevölkerung bis die Kommune von französischen und preußischen Truppen zerschlagen wurde. In diesen Tagen zeigte sich vielfach, dass der Gedanke der Befreiung weit über die notwendige Umverteilung hinausging. Die Vendome-Säule als Ausdruck herrschaftlicher Kultur wurde gestürzt, spontan kam es zu Exekutionen von Kirchturmuhren als Rebellion gegen die Enge der Arbeitstage. Die Revolution in Paris begann als Aufbegehren, als Fest, als Suche nach einem neuen Leben und einer neuen Kunst. Sie endete im Blut und als Niederlage in einer langen Reihe von Niederlagen, welche die Geschichte bis heute unter dem Mantel des Vergessens versteckt.

Und die Kunst? Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich innerhalb der siegreichen bürgerlichen Gesellschaft eine Massenkultur, welche schon früh die Unterwerfung der Kunst unter die Gesetze des Marktes beförderte, obwohl ihr noch immer der Traum eines selbstzweckhaften Tuns anhaftete. Im Rahmen der Massenkultur stand die Kunst in Deutschland im Dienste des Faschismus, des vernichtenden Antisemitismus und des Krieges. Paris erlebte mit der Besetzung im Sommer 1940 seine dunkelste Stunde. Bereits 1935 hatte Walter Benjamin auf die politische Bedeutung der Kunst hingewiesen. „Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt. So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welcher der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.“ Von der politischen Bedeutung der Kunst blieb in der entstehenden Wohlstandgesellschaft des Nordens, welche die Massen nun nicht mehr nur als ProduzentInnen sondern auch als ebenso fleißige KonsumentInnen benötigte, wenig übrig. Vielmehr stand sie als Kulturindustrie im Dienste der Zerstreuung und spielte ihre Rolle bei der Integration der ehemals gefährlichen Klassen. Oder aber sie lieferte als abgetrennte Sphäre hoher Kunst eine weitere Legitimation des Systems. In beiden Fällen änderte ihre oberflächliche Buntheit nichts am grauen Alltag und dem Keim der Barbarei in seiner Mitte.

Eine weitere Episode in der Geschichte von Kunst und Befreiung ereignete sich im Mai 1968, natürlich in Paris. Inmitten des gezähmten Lebens der Metropole, die von Waren und Freizeitangeboten überquoll, brach ein Generalstreik aus, der das Land lahm legte. Ohne konkrete Forderungen warf er zunächst eine Reihe von Fragen auf; nicht der Grad der Ausbeutung stand zur Diskussion sondern die Qualität des Lebens selbst. Die Situationisten glaubten bereits an die gesellschaftliche Verwirklichung der Kunst. Guy Debord, ein gebürtiger Pariser, hatte schon 1967 geschrieben: „Was man die Kultur nennt, hat die Aufgabe in einer bestimmten Gesellschaft die Möglichkeiten der Organisation des Lebens widerzuspiegeln oder sie auch vorwegzunehmen. Es geht darum die Gemeinsamkeit des Dialogs und das Spiel mit der Zeit, die von dem poetisch-künstlerischen Werk vorgestellt wurden, tatsächlich zu besitzen.“ Das Ende der Kunst als getrennter Bereich des Lebens und die Verwirklichung von Kunst und Spiel in allen gesellschaftlichen Bereichen schien zum Greifen nahe. Auch dieser Traum zerplatzte in Paris.

In den jüngsten Jahrzehnten hat sich die Integration ins Nichts weiter perfektioniert. Politische Kunst im Sinne Benjamins findet in Form von Brechtaufführungen statt, die vor allem von LehrerInnen und anderen Staatsbeamten besucht werden. Flugblätter und Plakate der Situationisten werden diese Tage in einem Museum in Bern ausgestellt, die Kunst bleibt weggesperrt. Selbst der Kampf um Befreiung ist nichts anderes mehr als ein Kulturgut, welches als ironische Verdrängung der Hoffnung im Triumphzug der Sieger mitgeführt wird. Die Massen begnügen sich nun mit dem passiven Betrachten eines banalen kulturindustriellen Spektakels, welches ihnen ihre eigene Langeweile verklärt und noch auf jedes Begehren mit einer neuen Ware zu antworten weiss, deren Erwerb schließlich auch die zusätzlichen Überstunden zu rechtfertigen scheint. Unsere letzte Freiheit heisst „Nein!“ Wir wollen nicht massenhaft und rastlos durch die Diskotheken auf Mallorca, Deutschlands letzter Kolonie, oder die Museen Roms, dem ewigen Zentrum der Macht, gehetzt werden. Wir wollen zurück nach Paris. Mögen auch die Revolten geschlagen sein und die künstlerischen Avantgarden versagt haben, so halten wir dennoch an Kunst als Form der Kritik, Platzhalterin der Wahrheit und Realisation utopischer Möglichkeiten fest. In diesem Sinne ein kurzer Sprung über die Grenze, von Paris nach Frankfurt, wo Theodor W. Adorno notierte: „Kunstwerke sind die Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge. Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heisst so viel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz-weiss und indiegograu.“

Die Menschheit auf dem Weg nach Hause (1. April 2007)

von Brez

In langsamen Zeiten sind auch die Gedanken langsam, hat einmal jemand zu mir gesagt. Ich denke es stimmt, nichts lähmt das Denken mehr als die tägliche Wiederkehr der Immergleichen. Ohne Eindrücke findet sich auch kein Ausdruck oder als Parole: Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Fesseln nicht! Die sind inzwischen wunderbar plüschig gepolstert, denn selbst GefängnisarchitektInnen wissen, dass ein Hof für den Freigang letztlich eine nützliche Bestätigung der Gefangenschaft ist. Mit dem Urlaub für Menschen in Wohnhaft ist es ähnlich. Schon das Wort Urlaub leitet sich vom althochdeutschen Begriff für Erlaubnis ab und meinte im Hochmittelalter eine Genehmigung des Lehnsherren, der seinen Untertanen gestattete für ihn in die Schlacht zu ziehen und sich von ihrem Lehen zu entfernen. Die moderne Bedeutung eines erlaubten Fernbleibens von der Arbeit scheint davon nicht allzu weit entfernt zu sein, dient doch das Recht auf Erholungsurlaub auch nur der Wiederherstellung der eigenen Arbeitskraft und somit dem Interesse heutiger Lehnsherren. Die Differenz zwischen Urlaub und Arbeit darf dabei jedoch nie ein Maß überschreiten, welches an unerfüllte Sehnsüchte stupsen würde. Wenn ich Urlaubsbilder meiner Eltern sehe fällt die Ähnlichkeit zwischen der dortigen Hotelanlage und der hiesigen Werksanlage ins Auge: Beide haben einen Zaun und einen Pförtner, die Kantine heisst Buffet, die VorarbeiterInnen sind Animateure, der Dienstplan wird durch ein Besichtigungsprogramm ersetzt und die entscheidende Erleichterung besteht für ihn im Ausschlafen und für sie in den hoteleigenen Putzkräften. Deutsche Fernsehsender sind selbstverständlich vorhanden, schließlich sollen sich die geleisteten Überstunden ja gelohnt haben. Alles ist ruhig und ordentlich, ohne dass dabei jemand an Friedhofsruhe oder Gefängnisordnung denken würde, zumindest ist es sicher und gutes Wetter wird garantiert. Angesichts der ewig gleichen Trampelpfade in der heimatlichen Kleinstadt mag die längere Luftlinie auf die Insel sogar als Abwechslung durchgehen, eine Reise ist es noch lange nicht.

Das Wort Reise geht auf einen mittelalterlichen Begriff für aufstehen oder sich erheben zurück. Zu einer Reise gehört das Unterwegssein, welches über das Einsteigen in und das Aussteigen aus dem Flugzeug hinausgeht, wie z.B. eine Bahnfahrt mit Blick aus dem Fenster, die beim Erspähen eines Baggersees am nächsten Bahnhof enden kann. Dazu gehören interessante Begegnungen wie z.B. beim Trampen, unerwartete Gespräche und neue Gedanken. Vielleicht auch die Unsicherheit ob vor dem Regen noch ein Schlafplatz zu finden ist, im Hostel, bei Bekannten von Bekannten oder Fremden. Zugegebenermaßen dient diese Unterscheidung zwischen Urlaub und Reise vor allem der Abgrenzung, ermöglicht durch lange Semesterferien oder viel Geld. Für Arbeitslose und MigrantInnen gilt die Meldepflicht, Menschen im sogenannten Normalarbeitsverhältnis bekommen schlicht nicht lange genug frei. Auch die Schattenseiten sind klar genug und gerade naiver Idealismus macht die Konturen der Enttäuschung eher deutlicher: Beim Schwarzfahren erwischt, beim Trampen an Fußballfans geraten und im Regen durch eine fremde Stadt stapfen, weil ohne Ferienjob das Geld für den Bus fehlt.
Bei Licht besehen, ob nun Sterne oder Straßenlaternen sollte egal sein, dreht es sich um einen einfachen Gegensatz: Die Sicherheit des Urlaubs um den Preis der Arbeitszeit, oder die Unsicherheit der Reise für den Lohn der Freizeit.
Von der ersten Hütte bis zur modernen Hotelanlage geht es um den Wunsch nach einem besseren Leben, um Schutz vor der Natur, um die sichere Existenz in einer künstlichen Gesellschaft, einer zweiten Natur. Der Pathos des alternativen Reisens ist dagegen kein wirklicher Einspruch, auch besetzte Häuser wurden mal gebaut und stehen in Städten, die als spannende Labyrinthe voller Möglichkeiten jede noch so schöne aber leere Landschaft ausstechen. Nein, es geht nicht um ein Zurück zur Natur – wo immer das sein sollte – und auch nicht um einfaches Leben, Konsumverzicht oder ähnliches Gedöns, welches immer noch als Echo der christlichen Liebe zum Leid erkannt werden kann. Gegensätze und Widersprüche, wie der zwischen Natur und Kultur, Freizeit und Arbeitszeit, Reise und Urlaub können nicht einseitig aufgelöst werden, das wäre ja einseitig. Im Widerspruch selbst liegt vielmehr die geheime Sprungfeder, die für die wirklich großen Hüpfer gespannt werden kann.

Der Beginn der menschlichen Vorgeschichte selbst ist aufs engste mit der Sesshaftigkeit verbunden, mit Hütten, Viehzucht, Ackerbau, Bergbau usw., das kennen wir ja alles aus den Computerspielen. Nur müssen wir am PC nicht selbst die dazugehörige Arbeit leisten. Im Spiel machen das die lustigen kleinen Pixel, in der Realität zeigt sich an dieser Stelle die unlustige Dialektik dieses Vorgangs. Im besagten weißen Buch heisst es: „Mit dem Ende des Nomadentums ist die gesellschaftliche Ordnung auf der Basis festen Eigentums hergestellt.“Das menschliche Subjekt, vom Zusammenhang der Natur getrennt und nun endlich in der Lage die Welt als Objekt zu gestalten, stolpert unmittelbar in neue, nun gesellschaftliche Beschränkungen. Die umherschweifende Lebensweise einer Menschheit, die sammelnd durch den Regen stapft, wie Tramper auf Gelegenheiten und Zufälle angewiesen und sich bloß durch magische Beeinflussung des Regens zu helfen wusste, ist vorbei. Die Rechnung wird 5 Seiten zuvor präsentiert: „Das Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als das Prinzip aller Beziehungen.“Zu dieser Macht der Gesellschaft gehört das Eigentum, der Reichtum als Ansammlung von Waren. Die Urlaubenden sind dadurch gezwungen das Geld für den Flieger durch saure Überstunden ranzuschaffen, die Reisenden werden trotz zu viel Regeln wegen zuwenig Geld vom Bus stehen gelassen.

Ein Grund auf das Reisen zu verzichten ist dies nicht. Wenn ich am Bahnhof in Hannover stehe kann ich den Regen beobachten und das einzige was stört ist die Reiterstatue eines zum Glück schon lange dahingeschiedenen Königs. Dann denke ich an den Vorschlag der Situationisten, „sämtliche Reiterstatuen aller Städte in einer einzigen öden Ebene ungeordnet zusammenzubringen. So böte sich den Passanten, denen die Zukunft gehört – das Schauspiel einer synthetischen Kavallerieattacke, die man sogar dem Andenken der größten Massenmörder der Geschichte (…) widmen könnte. Fast erscheint es plausibel, gewinnt doch auf Reisen die gesamte Umgebung den ungewohnten Reiz des Neuen und damit auch des nicht Festgefahrenen, des Veränderbaren. Den nächsten Bus gemeinsam mit anderen Wartenden einfach zu besetzen, erscheint zumindest als Gedankenspiel viel möglicher als denselben Vorschlag in der altbekannten Provinzstadt in der Parade der Morgenmuffel zu machen. Neue Städte bieten Möglichkeiten. Nichts ist trauriger als das Bild der SI, welches die immergleichen Wege einer Pariser Studentin abbildet, einen engen, schwarzen Knoten in einer erschreckend unbefleckten Stadt. Nichts hingegen ist schöner als der Stadtplan von Paris, mitsamt aller U-Bahnen und Möglichkeiten. Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber ich glaube es gerne. Schon in der Provinzstadt bereitet es mir Vergnügen mir Ziele auszudenken und nachzusehen, ob sie im Regen durch geschickte Nutzung der gegebenen Markisen und Vordächer zu erreichen sind. Das ist ein Spiel. Ein Spiel mit den Möglichkeiten. Ein ernsthaftes Spiel. Eine Reise. Trotz aller Zähmung hat die Menschheit vielleicht noch Neugier, eine spielerische Neugier, nicht so ernst wie nomadische Kämpfe ums Überleben, aber auch nicht so belanglos wie das Leben in Wohnhaft, vielmehr eine Lösung des gordischen Knotens, ein Umherschweifen in einer möglichen künstlichen dritten Welt, jenseits von der ersten natürlichen Welt und der zweiten gesellschaftlichen Welt, ein selbstgebautes Labyrinth. Nicht mehr nur daheim, endlich zuhause, und das in der ganzen, neuen Welt.

Die Rockmusik auf die Plätze verwiesen (19. März 2007)

von Lautmaler

Den gestrigen Abend verbrachte ich im Apollokino. Ein kleines Kino mit roten Sesseln – wohl ausrangiert vom großen Bruder Cinemaxx – ungewöhnlichen Filmen und halt dem urigen Charme eines alten Theaters. Ärgerlicher Weise wurde es erst kürzlich frisch saniert, so dass sein Geruch alles andere als anheimelnd rüberkommt und mir spontan meinen Ferienjob bei der Malerei Fangmeyer im Dorf meiner Eltern in Erinnerung rief. Das ist schon lange her.
Jedenfalls war ich dort die halbe Nacht zu Gast mit Philipp und Bea, ein bisserl auch mit Myriam Stadtpiratin, ganz gehüllt in ihren neuen DawsonCreek-Look, und vor allem mit Bier. Später auch mit Whiskey in einer Bar, aber das ist nicht wichtig. Wir waren eingeladen zur zweiten ‘Midnight Radio’ Show und die funktioniert ungefähr so:

Ein promovierter Soziologe liest seine ‘prosaischen Reflexionen’, wie er sich auszudrücken pflegte mit betont ironischer Grundhaltung und einem Haufen Anspielungen auf und gegen das allgemein allumfassende Warenspektakel. Es ist sein Thema und es ist das Spektakel persönlich. Er weiß das. Er trägt und erträgt das quasi. Er ist das. Ein prinzipiell ungesundes Aussehen und Augenringe gehören hier noch zum guten Ton; außerdem ein lockerer, schwarzer Anzug, dessen Bruch mit der Konvention bewusst durch ein schwarz-weiß gestreiftes und obendrein hautenges T-Shirt herbeigeführt wird. Welches ihm unverschämt gut steht, wie ich sagen muss. Unterbrochen wird die intellektuelle Herausforderung mit ohrschmeichelnden Namen wie ‚Zeit als Regime’ oder ‚Unruheschwingsystem’ von wunderschönen Musikstücken der ‚Midnight Radio Band’, dessen Musizierende nicht weniger dick die künstlerische Attitüde vermitteln. Hochwertige Instrumente, Schnaps und sehr wichtig, ein Haufen Zigaretten ergänzen die ohnehin schon viel zu schönen und wahren Menschen zu einer beraubenden Szenerie. Wie in eine Form gegossen, sage ich. Ein Mancher manchmal zwischen den Stücken die schwarzen mittellangen Haare schüchtern aus dem Gesicht streichend. Das ist Programm. Das ist programmiert. Und ich als ihr Publikum im roten Samt versunken. Eingetaucht in die Dunkelheit und seine Träume.

Die Rockmusik also endgültig auf die Plätze verwiesen, denke ich, in diesem Fall Kinosessel, die Revolte dadurch für immer verhindert, aber es war klar, dass die Musik nicht als Arm der Revolution anzusehen war. Niemals. Sie ist die Revolution selbst oder sie ist nicht. Aber von diesen Dingen verstehe ich nicht so viel, kann sie nicht derartig an Walter Benjamin belegen, wie der Schöpfer dieses Blogs. Meine Freiheit und alle Theorie kommt aus meinem Herzen, nicht aus den Büchern. Ich sehe es jedenfalls so. Den Arbeitern der Schnaps. Den Philosophen Adorno. Den Unzufriedenen die Kultur. Um die Ruhe zu halten, die Massen unbeweglich und eingeschlossen in Hypnose.1

1. In diesem Text werden mehrere Zitate von Christiane Rochefort entwendet. Eine Autorin, die ich einer jeden Person nur ganz nah ans Herz legen kann. Das wärmt.

Erben des Pan (28. Februar 2007)

von Brez

Zum Punker hat es bei mir eigentlich nie gereicht, schon als es begann gab ich Weltschmerz und Depression den Vorzug vor Wut und Destruktion. Zum Trost genügten mir meine Utopien, ich brauchte noch keine Drogen, selbst mit dem Rauchen begann ich viel zu spät. Manchmal sehne ich mich zurück in diese Zeit zwischen Wollpulli und Kapuzi, zwischen hippiesk und autonom, als es noch das gute alte – schlechte falsche „Wir gegen Sie“ gab. Unsere ersten Versuche moralische Empörung zu verbreiten – z.B. über Atomkraftwerke – prallten an den Kleinstadtmenschen genauso ab, wie flammende Aufrufe zum Eintreten für die eigenen Interessen im Klassenkampf. So verlor ich die Illusion, dass es nur darauf ankomme dem System die Maske vom Gesicht zu reissen, um die Unterdrückten zu Aufständischen werden zu lassen und dann… viva anarchia halt. Tja, mit 17 hat mensch noch Träume und wer mit 20 nicht Anarchist ist…aber das kennen wir ja schon. Inzwischen weiß ich, dass der Plot für meine revolutionäre Seifenoper zu seicht war. Meine verflossene Liebe, das revolutionäre Subjekt, erkenne ich kaum wieder in den Menschen auf der Straße. Selbst in den Augen einiger alter Freunde finde ich kein Feuer mehr. Es ist als wäre die ganz persönliche Revolte nur eine Jugendsünde gewesen, ein Klammern an kindlichen Gerechtigkeitssinn und verzweifelter Widerstand gegen die Erwachsenenwelt. Die allermeisten sind erwachen geworden und empören sich nicht mehr, sind längst Teilnehmende der eigenen Unterwerfung.

Ein Bekannter erzählte mir neulich bei einer dieser Gelegenheiten zwischen Bier und Nostalgie um wie viele 1000 Euro er mit seinem Chef feilscht, wie weit er von seinen Freunden und Freundinnen wegziehen würde und dass es immerhin noch eine Firma für Solarkollektoren sei. Das ist das Ende und es wird gut bezahlt, aber das Prinzip ist alt: Leistung und Gegenleistung. Mit der Beherrschung des eigenen Körpers fing es an, als sich die Nachbarn plötzlich darüber aufregten, wenn auf ihren Rasen gepinkelt wurde. Sie errichteten immer höhere Zäune, die ersten Grenzen einer Gartenkindheit. Die eigene Scham wird dann zur Waffe und zum Ansporn gegen sich selbst. Auch die Beherrschung des Geistes, sich selbst zur Konzentration auf uninteressante Dinge zu zwingen, lernte ich im Laufe der Zeit. Inzwischen schmunzeln meine Eltern wenn sie Geschichten von damals erzählen, aber mir war es ernst. Mit meinem Versuch absichtlich durch den Aufnahmetest der Grundschule zu fallen, mit den Versuchen sich nackt am offenen Fenster zu erkälten, mit der Abgabe einer Mathearbeit und den Worten: Was ist nicht rechne kann auch nicht falsch gerechnet sein. Die Hoffnung, der Disziplin entrinnen zu können, verschwand mit den Jahren. Disziplin wurde Selbstdisziplin. Ich passte mich an und ging den Weg aller Kinder, wenn nicht gar der gesamten Menschheit wie Adorno und Horkheimer es in der „Dialektik der Aufklärung“ andeuten: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“1 Eigene Erinnerungen an meine Zurichtung, die in der bürgerlichen Propaganda wohl glückliche Kindheit heisst, habe ich kaum, was blieb ist der Duft von Wald und geträumten Abenteuern, eine diffuse Erinnerung an ein Leben ohne Geld und Zeit. Es ist unmöglich in diesen Zustand zurückzukehren und das wäre auch nicht wünschenswert. In einer konkurrierenden Gesellschaft, wo Liebe auf dem Beziehungsmarkt getauscht wird und Sicherheit sich nur durch den Verkauf der eigenen Arbeitskraft erwerben lässt, ist es notwendig stark zu sein und als bürgerliches Subjekt zu existieren. Zumindest bis auf weiteres. An der tiefen, inneren Ablehnung, die noch die Außenseiter auf dem Hof des Gymnasiums teilen, ändert das nichts. Das Problem ist ein anderes. Während die Schule leicht zu hassen ist, gestaltet sich dies mit den eigenen Eltern deutlich schwieriger. Immerhin brachte meine Ma mir lesen bei, mein Pa ging mit mir zum Judo & faltete mir Robin-Hood-Hüte, andererseits gab es für gute Noten Geld und für Geld wiederum Spielzeugfiguren, verdinglichte Abenteuer.
Letztlich bedeutet jede neue Stufe von Macht über sich selbst und die innere Natur auch mehr Macht innerhalb der Gesellschaft. Das was ich zuvor durch Ausbruchsversuche erkämpfen wollte, wurde mit elterlicher Autorität gewährt. Ausgang weit über das Nachbarschaftsviertel hinaus und mit eigenem Taschengeld in die Stadt. Eine Integration zu den Bedingungen der Macht und zwar eine nahezu perfekte. Selbst Sehnsucht und Freiheitsdrang können so gespiegelt werden, dass sich die Gesichter der Betrachtenden in weitere kleine Spiegel verwandeln.

Ein schönes Beispiel ist der Kinofilm Hook, den ich 1991 sah, als ich die Grundschule hinter mir und das Schlimmste noch vor mir hatte. Hier spiegelte die bunte Warenwelt nun tatsächlich mein eigenes Dilemma: Peter Pan hörte schon im Kinderwagen die Pläne seiner Eltern von Schule, Universität, Karriere, Ehe…Aber er entkam ins Nimmerland, konnte kämpfen und krähen und spielen und brauchte nur einen einzigen wunderbaren Gedanken (und etwas Elfenstaub) um zu fliegen. Mein eigener kindlicher Freiheitswunsch konnte sich satt sehen an der dafür vorgesehenen Ware, deren Preis selbst das Kapital erhält. So ist es möglich durch Kauf gegen den Verkauf des Lebens zu protestieren. Freilich konnte ich den Betrug damals nicht entdecken und auch heute gelingt es kaum. Höchstens kam es mir als Kind komisch vor, warum Peter Pan am Ende in die Erwachsenenwelt zurückkehrte. Aber er war nun einmal ein Daddy und hatte Verantwortung gegenüber seinen Kindern. Er ist erwachsen geworden, ein Manager für Firmenübernahmen, ein Kinderhasser, ein Pirat. Und trotz dem Ausflug nach Nimmerland (am zweiten Stern links bis zum Morgen!) endet er genau an der gleichen Stelle: Peter Pan ist wieder erwachsen, höchstens eine Art netterer Reformvater. Mein Pa erzählte mir mal, er sei auch Peter Pan gewesen und irgendwie stimmt das.

Auch heute noch hat Hook bei mir Wirkung, so dass ich an bestimmten Stellen aufspringen muss und an anderen Weinen. Fast gelingt es mir den Film als Lücke im System zu sehen, als eine geheime Botschaft, die Genosse Spielberg da den Hollywood-Bossen untergeschoben haben könnte. Eine weniger kitschige Erklärung ist in dem Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord zu finden. „Die Entfremdung des Zuschauers zugunsten des angeschauten Objekts (das das Ergebnis seiner eigenen bewusstlosen Tätigkeit ist) drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er, je mehr er akzeptiert sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen, desto weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde. Die Äußerlichkeit des Spektakels im Verhältnis zum tätigen Menschen besteht darin, dass seine eigenen Gesten nicht mehr ihm gehören, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt. Der Zuschauer fühlt sich daher nirgends zu Hause, denn das Spektakel ist überall.“2 Und doch ist es vielleicht möglich dieses Lügenmärchen, dieses Machwerk zu entwenden und selbst daraus Kraft zu ziehen. Kinder sind keineswegs die besseren, solidarischen oder befreiten Wesen, sie sind vielmehr erst unvollkommen unterworfen. Trotzdem steht Peter Pan, der Junge der nicht erwachsen werden will, auch für das Unvermögen zu völliger Assimiltaion, das Scheitern und Widerstreben, das Widersetzen gegen die Diktatur der Angepassten… Es ist es gut, dass Nimmerland keine perfekte Utopie ist, sondern gerade den Kampf der verlorenen Jungs und der Indianerinnen gegen die Piraten schildert. Eine Wirklichkeit, die wahrer ist als das meiste außerhalb des Kinos und die trotzdem weggesperrt bleibt in der Sphäre der kulturindustriellen Unterhaltung. Ein netter Film für verzweifelnde Kinder und zweifelnde Eltern, die Unteroffiziere der Herrschaft, die trotz aller Liebe und gerade deswegen darauf hinwirken müssen, dass das Kind in seine Rolle findet. Vielleicht ist es die einfachste Sabotage dem Rad der Generationen die eigene Elternschaft zu verweigern, um sich selbst und den Ungeborenen möglichst wenig anzutun. Und stattdessen: Fliegen, Kämpfen, Krähen!

Das Zentralkomitee empfiehlt: Comedy Central! (15. Januar 2007)

von Brez

„Sie woll’n uns glauben machen, es gäbe was zu lachen. Sie wollen ganz bestimmt, dass wir glücklich sind…“

Seit heute gibt es den Fernsehsender Comedy Central. Entgegen (?) dem einleitenden Zitat von Tocotronic glaube ich nicht, dass sich hinter den MacherInnen dieser Scheußlichkeit ein ZK neo-antiker Patrizier verbirgt, welche die Menschen mit Brot und Spielen bei Laune halten wollen. Sicherlich: Die Ablenkung geschieht. Aber nicht als hinterhältige Finte gegen potentiell revoltierende ProletarierInnen – oder PrekarierInnen, oder was auch immer – sondern als gesellschaftlicher Modus der Zerstreuung. Wünsche und Gefühle, wie z.B. Freude, brechen sich im Spiegellabyrinth dieser Gesellschaft so lange, bis wir sie als fahle Reflexe unserer eigenen Konstitution im Spiegelbild bewundern. Grundlegend ist auch bei Comedy Central das Bestreben hohe Einschaltquoten zu erzielen, um Werbezeiten verkaufen zu könne. Diese Werbezeiten können dann von Firmen dazu genutzt werden die Menschen in ihrer Freizeit dazu zu überreden, einen Teil des Plunders, den sie in ihrer Arbeitszeit hergestellt haben, von dem dafür erhaltenen Lohn zurückzukaufen und sich so lange daran zu vergnügen, bis sie am nächsten Tag wieder vergnügt zur Arbeit watscheln können. That’s the way it goes. Viel interessanter als diese Banalität, welche in marxianisch wohl als Basis zu bezeichnen wäre, erscheint mir jedoch der konkrete Inhalt, also der mit dem galligen Tauschwert verschmolzene zuckersüße Gebrauchswert dieses Senders.
An den Werbespots im Vorfeld fiel bereits irgendein Vollassi auf, der als Offizier verkleidet das Einschalten von Comedy-Central befahl. Es ist also ein Muss. Den Abschluss bildete der „unglaubliche Heinz“, ein Macker vor dem Herrn, mit der Prophezeiung, dass wir wissen werden warum wir eingeschlaltet haben, wenn wir eingeschlaltet haben. Das eben erwähnte Muss ist offenbar auch noch ein Selbstzweck.

Zurück zur Antike. In den blutigen Gemetzeln zwischen den Gladiatoren wurde die Brutalität der Eroberer- und Sklavenhaltergesellschaft durchaus treffend abgebildet. Dennoch bleibt beim spielerischen Morden (wohlgemerkt: „spielerisch“ nur für die Spectatores) noch ein Anteil des Aussergewöhnlichen, was zweifellos zugleich ewige Wiederholung war, erhalten. Die religiösen Spektalel des christlichen Mittelalters hingegen waren weniger Ablenkung als vielmehr verklärender Verweis auf die bestehende Ordnung, die um den Preis weltlicher Untertanenschaft ein ewiges Leben im Jenseits versprach und diesen Lebensweg z.B. in unzähligen Heiligengeschichten propagierte.

Und Comedy Central? Weder exotische Ablenkungen noch metaphysischer Trost prägen das Programm des Senders. Stattdessen erweisen sich die meisten Sendungen als wahre Spiegelwelten. Im Zentrum der Geschichten stehen Singles, Pärchen, WG’s und vor allem alle denkbaren Familienkonstellationen, deren Leben sich zu einem enormen Prozentsatz im eigenen Wohnzimmer abspielt. Auch die Problemchen der Figuren strotzen von Alltäglichkeit und Trivialität, was genauere Ausführungen oder Darstellungen überflüssig macht – es reicht die bloße Andeutung, um den Spectatores die Bedeutung zu vermitteln. So als ob wir es mit guten Freunden zu tun hätten, die wir blind verstehen. Und faktisch wäre es wohl egal ob sich die Müllers Abends vor dem Fernseher die Cosbys ansehen oder die Cosbys im Fernsehen die Müllers. Spiegel im Spiegel im Spiegel. Spiegelwelten der Spießgkeit.

Worin besteht der Reiz? Was soll daran interessant sein gewöhnlichen Menschen bei gewöhnlichen Dingen zuzusehen? Und vor allem: Was ist daran witzig? Die Lösung liegt vielleicht in der kombinierten Antwort auf beide Fragen. Gerade in der Wiedergabe altbekannter Tristheit, die höchstens kurz in Frage gestellt wird um sich zum Ende der Folge wieder zu bestätigen, könnte der behagliche Effekt solcher Comedy bestehen. Zugleich wird den ZuschauerInnen durch die penetranten Lachgeräusche beständig vermittelt, dass alles gut ist und mit Humor genommen werden kann. In der Fernsehfamilie ebenso wie in ihrer eigenen. Kurz gesagt: Es geht bei dieser Form der Unterhaltung nicht einmal mehr um den passiven Konsum aufregender Bilder, die trotz aller Unwahrscheinlichkeit immer noch das minimale Risiko beinhalten könnten, dass das Publikum wirklich einmal aus dem Fernsehsessel aufsteht, um die Welt hinter den Bildschirmen zu erkunden. Für solche Art der Ablenkung sind Liebesfilme, Actionmovies und Reisemagazine tauglicher. Ebenso wenig geht es darum die Wirklichkeit durch falsche Sinnstiftung erträglicher zu machen, wie es durch nichtssagende Talkshows, Nachrichten, Spendenshows, das Wort zum Sonntag oder die Neujahrsansprache möglich wäre. Anstatt vom Bestehenden abzulenken oder ihm Sinn zu geben, wird es auf Comedy Central bloß gespiegelt und mit der Zusicherung unterlegt es gäbe was zu lachen.

Studieren und Probieren (8. Januar 2007)

von Brez

Auf den ersten Blick scheint die (Wieder-)Aufnahme eines Studiums einen außerordentlichen Zugewinn an Freiheit zu bedeuten. Der mittelalterlich anmutenden Autorität der Familie, die weder eine demokratische Abwahl der Eltern noch einen Aufstieg innerhalb der stammesgemeinschaftlichen Hierarchie kennt, ist der junge Mensch entronnen. Der Zwang der institutionalisierten Menschenverwaltung namens Staat, z.B. in Form von Schulpflicht und Wehr- bzw. Dienstpflicht, die notfalls jeden Morgen mittels polizeilicher Härte durchgesetzt werden könnten, scheint etwas nachzulassen. Um den Preis eines äußerst niedrigen Lebensstandards ist es möglich sich mit Bafög, elterlicher Unterstützung oder Jobs durchzuschlagen und verhältnismäßig wenig Lebenszeit auf dem Arbeitsmarkt veräußern zu müssen. Das Leid gänzlich verkaufter Tage liegt noch fern und selbst die Drohungen der Zukunft werden eher in billigen Karriereträumen verkitscht als sich in Albträumen voller Arbeitsagenturfluren auszudrücken. Der Drang in ehelichen oder eheähnlichen Partnerschaften Halt und Trost zu finden ist bei den meisten Studierenden noch ebenso wenig ausgeprägt wie der verzweifelte Wunsch dem eigenen Leben durch Fortpflanzung einen Sinn zu geben. So erscheint das Studium zunächst als eine Art Biotop der Menschen, die ihre Vergangenheit aus Familie, Schulpflicht und Zwangsdienst hinter sich und ihre Zukunft aus Arbeitslosigkeit, Arbeit und Familie noch vor sich haben. Eigene Entscheidungen, mehr Zeitautonomie, selbstständiges Wohnen, kulturelle Angebote und eine höhere Zahl potenzieller Freund- und Liebschaften. Schöne neue Welt.

Selbstverständlich sind und waren diese Träume des Studienbeginns niemals mehr als hübsche Illusionen. Auch wenn keine unmittelbare finanzielle Abhängigkeit mehr bestehen sollte, so drängen doch die Erwartungen der Eltern und Verwandten zu einem zielstrebigen und effizienten Lebensstil. Auch die Vorgaben der Ministerien sind keineswegs gänzlich verschwunden; nur wird jetzt nicht mehr das mühsame Durchpauken eines vorgegebenen Fächerkanons verlangt sondern eine effektive und selbstdisziplinierte Spezialisierung. Wo nötig wird mit Hilfe von Verregelungsungetümen wie Bachelormodulen die Erinnerung an die Schulzeit gerne wieder wachgerufen. Neben diesem Rahmen der universitären Bildung ist die Methodik der Stoffvermittlung häufig noch rückständiger als an einigen Schulen und auch der eigene Einfluss auf die Inhalte dieses Spektakels ist nicht wesentlich größer. Hinzu kommt der Druck eines Arbeitsmarktes, der auch für AkademikerInnen stetig ungemütlicher wird und es keinesfalls sicher erscheinen lässt ob der Verkauf der eigenen Arbeitskraft gelingen wird, wenn bereits nicht wenige Lehrbeauftragte zwischen bezahlten und unbezahlten Seminaren sowie gelegentlichen Veröffentlichungen ein relativ prekäres Leben führen, welches das bürgerliche Glücksversprechen selbst für akademische Schichten bis auf die Knochen blamiert. Während Familie und Staat also von hinten schieben sind es die zukünftigen Berufsaussichten, die den Lebenslauf von vorne weiterzerren wollen. Beide eint das gemeinsame Interesse die Zwischenphase des Studiums möglichst kurz zu halten und die meisten Studierenden, die unter Freiheit nichts anderes verstehen als die Einsicht in die Notwendigkeit, nehmen aktiv an diesem Zurichtungsprozess teil.

Der Druck von kargem Leben, Unistress und Jobhetze bedingt die althergebrachte Zeiteinteilung in unfreie Zeit und Freizeit. Er entlädt sich in etlichen studentischen Parties, die sich dem Gehabe der Teilnehmenden zum Trotz nur wenig von den Hallenfeten der ländlichen, nicht-akademischen Jugend unterscheiden und bestenfalls im Trost einer Semesterabschnittspartnerschaft münden.

In all dem erweist sich die Uni weniger als Naturschutzgebiet jugendlicher Freiheit, als quasi gesellschaftsfreier Raum, sondern vielmehr als weiteres Kettenglied. Angesichts dieser gesellschaftlichen Realität ist es wenig erfolgsversprechend eben dieser Gesellschaft ihre eigenen Lebenslügen aufzutischen und auf dem Humboldtschen Ideal einer freien Bildung zu beharren, die sich nur der Wahrheit und dem Glück der Menschen verpflichtet. Ebenso falsch wäre es natürlich das Bestehende für das Gelbe vom Ei zu halten und der verschärften Umwandlung der Universität in eine kostenpflichtige Ausbildungsanstalt tatenlos zuzusehen. Kurz gesagt: Weder der idealistische Ruf nach dem universitären Elfenbeinturm, der unbehelligt vom gesellschaftlichen Kontext existieren möge, noch die widerstandslose Integration in die Sachzwänge der falschen Gesellschaft führen uns weiter. Anstatt sich an die illusionäre Abtrennung der akademischen Bildung von der Gesellschaft zu klammern, müsste vielmehr eine revolutionäre Zusammenführung der Lebensbereiche forciert werden, welche die säuberlichen Trennungen von Bildung, Ökonomie, Liebe, Kunst etc. verwischt und die spartenhafte Vielteilung der Wahrheit in Wissen, Nutzen, Trost, Genuss etc. beendet. Das Leben an der Uni mag für solche praktisch-theoretischen Experimente einen möglichen Rahmen darstellen, dessen offene Vorraussetzungen verteidigt werden müssen.

So oder so…these are the best days of my life!

Familienfest (24. Dezember 2006)

von Brez

Die klassische Familie wird in der bügerlichen Gesellschaft hochgehalten.
Vor Allem zu Weihnachten, wenn Männer und Frauen wieder zu Vätern, Müttern, Söhnen und Töchtern werden. AnarchistInnen und Konservative glauben gar, die Familie sei die Keimzelle von Staat und Gesellschaft, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil.

In der Familie finden sich vielmehr die Ablagerungen vergangener Epochen. In der Rolle der Eltern ist noch etwas übrig vom Schamanentum und der Häuptlingsherrschaft der ersten Menschen. Sie erklären die Welt, zuweilen auch in Mythen vom Weihnachtsmann, vom Osterhasen, vom Storch und von Gott, um den Zusammenhang der stammesförmigen Familie zu wahren und herzustellen. Sie führen die Kinder durch die Welt, kümmern sich und nehmen an ihren Initiationen teil. Auch die Leibeigenschaft der Kinder, die vollständige Abhängigkeit in ökonomischer Hinsicht und die festgefügte Hierarchie gemahnen an die Zeiten von gnädigen Monarchen und ergebenen Untertanen.
Die Familie ist also eher eine gesellschaftliche Erinnerung, ein Relikt, welches aufgrund seiner Unvermittelbarkeit mit den modernen Verhältnissen in die Nische des Privaten gedrückt wurde. Die Gleichheit Aller vor dem Gesetz der staatlichen Verwaltungsmaschine, die allgemeine Freiheit der Konkurrenz von vereinzelten Einzelnen, die Brüderlichkeit des Vertrages zwischen den Angehörigen der Nation, zwischen den VerfügerInnen über konstantes Kapital (Produktionsmittel) und variablem Kapital (Arbeitskraft) und der äquivalente Tausch als gesellschaftliches Bindemittel finden in die Familie keinen Eingang. Die Hierarchie der Familie ist gesetzt, ewig, heilig. Es gibt keinen Aufstieg, keine Konkurrenz, Ressourcen werden zugeteilt, z.B. in Form von Weihnachtsgeschenken oder Taschengeld. Berechung, Zeitersparnis und instrumentelle Rationalität verbleiben im Aussen. Den Blutsbanden des Stammes, des Volkes, der Familie kann der Einzelne weder durch die Lösung eines Vertrages noch durch Wahl- oder Abwahl der Eltern entrinnen. Die Familie ist weder demokratisch noch kapitalistisch, die Eltern weder PolitikerInnen noch KapitalistInnen. Sie sind Herrschende im Sinne im Sinne der vergangenen Gesellschaften, sie sind Häuptlinge, Aristokraten, KönigInnen. Schließlich würde der moderne Staat es sich ebensowenig erlauben uns zu zwingen unseren Teller leerzuessen oder uns ohne Verhandlung in unser Zimmer zu sperren, noch würden wir auf dem modernen Markt irgendwen finden, der uns unentgeltlich die Windeln wechselt.

Die Familie war die die Keimzelle vergangener Gesellschaften, der Beginn des Weges von der Familie, zur Horde über die Polis und das Reich zum Staat. Nun aber ist sie nur deren Abbild. Sie steht im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft, ist ihr aber nicht äusserlich, sondern mit ihr verwoben. Harmonie, Frieden, Wärme, all das was vom Spektakel der warentauschenden Gesellschaft kaum zu erfassen ist, wird vom Primat des öffentlichen Lebens in die private Welt der Familie abgespalten. Die Familie jedoch produziert und reproduziert die AkteurInnen des öffentlichen Lebens täglich, produziert die ProduzentInnen der Gesellschaft. Die Hausarbeit selbst ist notwenige Tätigkeit, unentlohnt, unkündbar und eher subsistentem Schaffen, dem Raub, der Sklavenarbeit und der Fron verwandt.
So bleibt die Familie notwendiger Bestandteil einer Gesellschaft, der sie nicht entstammt und in der sie nicht gänzlich aufgehen kann. Die Familie ist wesentlich Vergangenheit, die in die Gegenwart integriert ist wie Trümmerstücke alter Bauten in neuen Gebäuden wiederverwendet werden und deren Fundamente bilden. Zukunft kann aber keine Rückkehr sein. Die Freizeit und die Pause sind nicht das Gegenteil der Arbeit, sondern deren Vorraussetzung. Eine versöhnte Gesellschaft kann die Dialektik von Familie und Gesellschaft nur auflösen in einem geschwisterlichen Leben ohne Eltern, wo Individualität, Wahlverwandschaft und der freie Verein freier Menschen sowohl die relative Herrschaft des Tausches als auch die absolute Herrschaft der Zuteilung ablösen.

In älteren Gesellschaften dehnte sich das familiäre Prinzip über das ganze Leben aus, fand seinen Widerhall in Adel, Klerus und Gott. In der heutigen Gesellschaft erweist sich das familiäre Prinzip als Relikt gegenüber seinem Gegensatz von freier Konkurrenz, verwaltendem Staat und entfremdeter Vernunft. Dass die Übergänge fließend sind, dass ich mein Studium als Arbeit und Weihnachtsgeschenke als Lohn empfinde, dass die familiäre Harmonie sich als Anteil des Schauspiels fast zu ihrem eigenen Zerrbild entwickelt, kennzeichnet nur den Grad der Verquickung. Wesentlich handelt es sich bei der Familie also um eine Lüge, deren Wahrheit sich nur aus der Unwahrheit des Ganzen ableiten lässt, als dessen notwendige Bedingung und hinreichender Gegensatz. Eine Flucht vor der Familie kann es nicht geben, weil das Aussen dieses mittelalterlichen Kerkers auch nur ein moderner Hochsicherheitstrakt ist. Nur ein bewusster und ganzheitlicher Umbau kann diese Festung transformieren. Bis dahin kann es nur darum gehen die Gebrochenheit bewusster zu erleben und nicht im heißen Brei der weihnachtlichen Heimkehr unterzugehen, die Gebrochenheit in Brüche zu verwandeln und die kaputte Welt als Lebensraum kaputter Menschen kenntlich zu machen. Die weihnachtliche Obdachlosenspeisung beim Oberbürgermeister ist nicht die Verwandlung der Gesellschaft in eine Großfamilie, sondern eine Lüge hinter der die Selbstmordquote an Weihnachten steht.

Frohe Weihnachten im Kreise der Familie!