Vom Versuch anders zu sein (Tourtagebuch II.Teil) (1. Dezember 2007)

Von Lautmaler

Vorab:

Über unser Vorgehen als künstlerischen Versuch nachzudenken wurde ausgiebig im ersten Teil dieses Tagebuchs gemacht. Und eine bloße sachliche, nichtpersonale Evaluation – aus Gästebucheinträgen und unserem Kunstverständnis zusammengesetzt – mutet also etwas holprig an. Ich kann sie demnach nur vermehrt an mir orientieren; also wie ich diese zwei Tage erlebt habe (deshalb habe ich mich oben auch als Autor aufgeführt und der Text spiegelt also nicht zwangsläufig die Meinung des gesamten Netzwerkes wider). An unserem Prinzip hat sich auch nichts geändert oder vielmehr haben wir daran festgehalten. Wir auf der Bühne, ihr davor. Die Nichttrennung von Künstler_Innen und Rezipient_Innen. Und mitten in diesen zwei Tagen haben wir über unser Netzwerk heftig diskutiert, gestritten, formuliert, uns wieder vertragen, Auftritte gespielt, getrunken, geredet, gekrault und miteinander gefeiert und sind Bahn gefahren. Außerdem ist ein einziges Wochenende „[…] dann doch zu kurz, um wieder einen akuten Stich zu spüren“ (aus ‚Enge‘ von SchwarzWeiß). Also dass es wieder heftig weh tut in seinen Alltag zurückzukehren, in die Strukturen, die einen aufzufressen drohen.

Also dann:

Wir, das kulturelle Netzwerk, das nie probt, waren zu Gast bei lieben Menschen in Hamburg und Lüneburg. Was beiden Auftrittsorten eine nicht zu unterschätzende Ähnlichkeit in Form und Farbe und unser allgemeines Wohlfühlgefühl beschreibt. Um sie doch auseinander klamüsern zu können, können die Auftritte phonetisch am hiesigen Akzent unterschieden werden. Man sagt ‚Hamburch‘, aber es heißt ‚Lüneburk‘, wie wir feststellten. Aber dazu später mehr.

Zunächst fuhren wir am geschichtsträchtigen 9.November nach Hamburg, wohin uns die Menschen vom Libertären Zentrum -das dem allgemeinen Abkürzungsbedürfnis in der Linken Rechnung tragend nur als ‚LiZ‘ bekannt ist- eingeladen hatten. Da sich der Soundcheck mangels technischen Equipments erübrigte, konnten wir gleich die hervorragende vegane Lasagne schnabulieren, die Rina, Johnny, Steffi und Lena für alle vorbereitet hatten. Im Publikum saßen etwa zwanzig aufmerksame Menschen, mit denen wir Pausen- und Anfangszeiten im Konsensprinzip abmachten („Also, lass uns dann anfangen, wenn Johnny mit dem Klopapier wieder da ist!“ – „Okay.“).

Es ist irgendwie ungewöhnlich die immer gleichen Melodien und Worte zu reproduzieren und doch ist es jedes Mal anders, wenn man es zulässt, wenn man den Weg hinein gefunden hat. Und den Eingang zu diesem Weg mit unseren Gästen fanden wir schnell. Die greifbare Atmosphäre schlägt sich zwar nicht in der Quantität der Bemerkungen im Tourbuch nieder aber in der Qualität:

„Es gibt Abende, an denen ein Funke überspringt und man hüllt sich ein in diese warme Atmosphäre. Man lauscht den Klängen, wiegt im Meer der Melodie, schwimmt in neuen Ideen und weiß: Ab jetzt ist alles anders. Ab morgen mach ich alles neu. Und bei allem was ich tu, werd ich mich vorher fragen, was ich denn eigentlich will. Aufpassen, dass ich nicht mehr nur stumpf konsumiere.

Und der Abend geht vorbei. Und es beginnt die Zeit danach. Und man beginnt zu denken: Morgen ist auch noch ein Tag. Aber morgen ist auch nur ein Tag. Ein Tag wie jeder sonst. Und wenn ich nicht aufpasse, geht der Moment vorbei, verstreicht spurlos, ungenutzt.

Und auch, wenn das jetzt trostlos klingt, bin ich doch glücklich überhaupt solche Momente zu spüren. Und ich hoffe es bleibt – etwas bleibt.“

Am nächsten Tag lernten wir zunächst, dass sich auch ein Metronom mal verfahren kann. „Kann ja mal passieren“, wie der Zugführer sich auszudrücken pflegte.

Und nun wird es schwierig. Auch in Lüneburg waren die vorbereitenen Menschen so herzallerliebst und doch zahlenmäßig den Hamburgern überlegen, so dass wir uns nicht mehr an alle Namen erinnern können. Also da waren Beate und Christian und Markus und und und… Und auch hier gab es keine Technik, was an beiden Abenden übrigens überhaupt nicht störte, sondern eher der intimen Atmosphäre zuträglich war. Und da war ebenso hervorragendes veganes Essen. Und ein ebenso mitleidendes, mitlachendes, mitfühlendes Publikum, dort unten im Anna und Arthur Infocafè, mitten in der obermittelalterlichen Innenstadt von Lüneburg. Und doch war es natürlich wiederum anders als zuvor. Was bleibt ist die Feststellung, dass von uns auch „der Papst begeistert wäre“, wenn er denn ein Poet wäre, und folgender Eintrag:

„Wir haben darüber geredet, was wichtig ist im Leben und sind dann zu Eurem Konzert gegangen. Ihr habt darüber gesungen und gesprochen und über die Angst. Schon vor der Pause ist er gegangen… Nach Hause… Wo ist das jetzt?“

Was bleibt noch:

Wir wollten alles anders machen und auch anders sein. Wir mussten feststellen, dass das nicht geht oder mindestens nicht möglich ist und fingen dann an darüber zu reden, zu erzählen, zu singen. Wo ist jetzt zu Hause, wo und was ist die Freiheit und was ist gegen die Angst auszurichten? Mir scheint, das ist alles nur unter Zuhilfenahme selektiver Blindheit gegenüber der Wirklichkeit und nur temporär fassbar. Vielleicht in diesen Momenten, wenn der Funke überspringt und zu Hause dann da ist, wo und mit wem man gerade ist. Auf Reisen zum Beispiel, ich zumindest fühle mich dort mit allen, die wir da sind und mit allen, die wir da treffen am Wohlsten.

5-Tages-Plan oder: Tourtagebuch I (25. September 2007)

Wir haben Paris nicht erreicht. 5 Tage lang waren wir, Indiegograu & SchwarzWeiss (auch mit Texten zur alltagskritik), auf Tour durch verschiedene Städte, auf der Suche nach Ausdruck und uns selbst. Wenn Dinge nicht hundertprozentig funktionieren ist es immer gut sich eine experimentierende Haltung zuzulegen. Insofern gilt es über unser Projekt vor allem als Versuch nachzudenken. Da bloße Selbstbespiegelung leicht zu angekokstem Narzissmus oder destruktivem Nihilismus gerät, ist dieser Text vor allem aus den Einträgen in unserem Gästebuch gestrickt.

Dabei gilt die Erkenntnis: Wir hatten Publikum, das ist nicht zu leugnen. Die Trennung zwischen uns und Euch wurde keineswegs verwischt, was in der Form des Auftretens auch notwendig angelegt ist. Trotz oder eben als Bestätigung unserer Thesen haben wir Kunst gemacht und vorgeführt, es war keine Open-Mic-Session, keine überraschende Intervention in den Alltag, kein Sprung in eine vage Utopie. Schließlich bewegen auch wir uns im Raum, in diesem Fall vor allem in Cafes, auf Festen, in Dielen und selbstverwalteten Zentren. Was wir uns anheften können ist höchstens der Orden für radikalen Bemühen: Wir haben Theorie, Literatur, entwendete Comics und Musik zu einer Collage verbunden, die durchaus anspruchsvoll ist und in ihrer Vielseitigkeit Aufmerksamkeit verlangt. Diese Aufmerksamkeit zu erzeugen war vielleicht das aktivierende Moment, welches unsere Tour vom üblichen, einlullenden passiven Betrachten trennte. Keine utopische Abschaffung der Kunst sondern eher Verteidigung der Kultur, als Raum für Sinn und Besinnung, gegen die Hektik der Kulturindustrie.

In Osnabrück (im Cafe Mano Negra) waren wir unter FreundInnen und GenossInnen. Es waren viele Leute im Raum, die uns und unseren Anspruch äußerst ernst nahmen, vielleicht sogar ernster als wir uns selbst, was sicherlich zu begrüßen ist. Wo sonst gibt es noch Menschen, die sich während einer Lesung oder eines Konzertes Notizen machen? Dementsprechend konkrete Vorschläge lasen wir z.B. in unserem Gästebuch: „Wo Ich ist, muss das Ich im Wir werden.“ Es stimmt, dass bei vielen Beiträgen ein lyrisches Ich aufgetreten ist, welches eingesperrt im Büro sitzt, im Regen steht, auf Reisen ist und sich dem Dschungel gegenüber fremd fühlt. Gerade die Erkenntnis der Vereinzelung entfacht aber auch das kalte Feuer der Erkenntnis, welches nach dem heissen Flächenbrand neuer Gemeinschaft strebt.

In Hannover haben wir diese verfehlt. Die Verteidigung eines Baukastens ist eine wichtige und anstrengende Sache, die von Zeit zu Zeit des Festes als Vorahnung des Kommenden bedarf. Unsere Kunde vom Ausbleiben des Festes war an dieser Stelle fehl am Platz, was auch die leeren Seiten im Gästebuch belegen. Nichtsdestotrotz danken wir für die Solidarität, die uns entgegengebracht wurde auch wenn wir an diesem Abend nicht der richtige Schlüssel zum Schloss waren.

In Langenhagen (im Cafe Monopol) bekamen wir schließlich den Dank für einen „geistreichen Abend“, „Denkanstöße“ und „Inspiration“, den wir als Kraftquelle auf unserer Reise „Zurück nach Paris“ so dringend brauchen. Dank auch für den „Stich in die Seite oder ins Herz oder in was da immer so weh tut. Oder dann weh tut.“ Das sind die Spuren, die wir wollen und unser Trommler ist in der Tat „der heisseste Feger und den heissen Fegern.“ Also: „chiweli!“ (Prost!)

In Bielefeld (im Club 87) fanden wir selbst uns angenehm überrascht beim Heimspiel an einem uns zuvor unbekannten Ort. „Wunderstaundenkzuhörmitwippmitmachtrauerlachträumschön“ ist wohl das längste Kompliment, welches wir unterwegs bekommen haben und zweifellos zurückgeben können. Trompetengrüße, spontanen Trommeln, Lachen und Schweigen an den richtigen Stellen, zeichneten diese Begegnung aus, die in neuen Vorschlägen mündete und in der Übernahme der Bühne durch Andere gipfelte. Offenbar haben nicht nur wir das so gesehen: „Musik ist Magie, ihr habt es geschafft eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen! Schön, dass ihr bei uns gespielt habt. Einen schönen Abend…gute Nacht!“ Ja, in der Stadt die zweifellos existiert sind wir ein gutes Stück vorwärts gekommen „auf dem Weg, zum Ende der Nacht.“

In Braunschweig (im Nexus) fanden wir ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass „diese Liebe (…) Häuser selbst verwalten“ kann. Dank hilfreicher Hände konnten wir einen technisch ausgereiften Auftritt hinlegen. Ok, wir sind kein Punkrock, das ist uns klar. Im Gästebuch bleibt von diesem Abend der hippieske, kategorische Imperativ: „Es gibt viel Schönes auf der Welt und es ist wirklich jemand nötig, der es findet!“ Auch wenn unser Weg eher derjenige der monochromen Farben ist, können wir uns dem anschließen. Im ersten Comic des weißen Bandes, den wir auf der Tour zum Selbstkostenpreis verschleuderten, heisst es dazu: „Das ausschließliche Malen in dunklen oder ausgeblichenen Farben ist die einzige Möglichkeit diese Welt zu lesen, um ihre Veränderung zu bewirken und das wenige bestehende Positive aufzuhellen, um es frei von Schuld und Selbstzweifeln genießen zu können.“

In diesem Sinne werden wir dieses Jahr auch weiterhin auf dem Weg nach Paris sein. Eine Pause haben wir uns verdient: Bahnfahren, Spielen, Saufen, Schlafen…kann auf die Dauer ganz schön anstrengend sein. Es gibt mehr als genug Fotos vom Ende unserer zu kurzen Schlafzyklen, die dies beweisen. Im November und Dezember werden wir jedoch wieder unterwegs sein, um diesem Jahr, in dem so vieles begann und endete, einen würdigen Abschied zu bereiten.

To your heart!

Indiegograu & SchwarzWeiss

P.S.: Wir widmen diesen Text Gudrun, unserer Leselampe, gestorben im Kampf um Befreiung am Ende der Herbsttour. Sie wird für immer bei uns sein!)