Das Ideal des leichten Lebens (Kapitel 8/ Auszug) 20. Dezember 2007

von Lautmaler

Ich sitze also auf den fünf Stufen, die zur Tür meines Hauses führen. Mein Haus hat aber gar keine fünf Stufen bis zur Eingangstür. Mein Haus hat eine von diesen formvollendeten Jugendstilornamentfassaden. Und über meiner Tür prangt eine verschlungene, weibliche, dem Schönheitsideal des ausgehenden 19. Jh. nachempfundene Frau mit langen, wehenden Haaren, die einen Kelch, in dem sich vermutlich Wein befindet, auf den Schultern trägt und sich gerade eingießend vornüberbeugt. Obwohl das ganze Gebilde schon smogbeeinträchtigt verfärbt und angefressen ist, neige ich dennoch dazu das Wort Eingangsportal zu benutzen. Stilvoll geht die Welt halt zugrunde. Es ist also gar nicht mein Haus, das steht sechs Gebäude weiter auf der selben Seite der Straße. Ich sitze auf der Treppe vor der Nummer 46 und direkt mir gegenüber steht jener Baum, der in diesem unverschämten Rot leuchtet, zu leuchten scheint. Ich stehe auf und kreuze die Straße in tiefem Gang, stelle mich unter den Stamm und schaue hoch. Der Himmel hat sich aufgeklärt. Der Regen hat aufgehört. Das merke ich aber erst jetzt. Es ist kalt, wohl durch den Wind, der die Straße schnell hinunterbrettert, obwohl hier ja eigentlich eine Dreißig-Zone ist. Der Natur ist das egal. Die Regeln sind dazu da, um sie zu brechen! Das sagte eine Freundin früher immer. Die Sterne sind zwischen einzelnen Wolken zu sehen und durch die spiegeligen Augen des Mondes, die vielleicht auch dieses unglaubliche Rot der Blätter produzieren, kann ich quasi in das Gesicht der Sonne blicken. Das finde ich ist eine schöne Vorstellung. Ich bücke mich, hebe ein Blatt auf. Es ist fast ebenso groß wie meine Handinnenfläche, mit geriffelten, spitz zulaufenden Rändern. Das ist mir noch nie aufgefallen. Diesen Baum kenne ich auch gar nicht. Die Riffelungen sind leicht gelb gefärbt, aber das Zentrum des Blattes ist absolut erfüllt von zweihundert vielleicht sogar dreihundert verschiedenen Rottönen, die aus sich heraus zu Leuchten scheinen. Obwohl das ja Blödsinn ist. Wenn das hier nicht real wäre, sondern ein digitales Erlebnis z.B. am Computer, ich würde die Farben nicht als natürlich anerkennen wollen. Ganz Herbstschmerz stecke ich das Blatt in meine Jackentasche. Ich stolpere die Anpflanzung runter, was mich zu der Feststellung führt, dass ich ordentlich angetütert sein muss und setze meinen Weg – die Arme fest um mich geschlungen – wieder in Richtung meines Hauses fort. Der Alkohol, so scheint es mir, öffnet meine Pforten, alles wirkt merkwürdig klar und verständlich. Ordentlich geordnet in Prioritäten und Zusammenhängen. Ich schaue ungelenk auf die Uhr. Es ist vier. Bereits oder erst? Ich kann mich nicht einigen und belasse es einfach bei vier. So unkompliziert ist das gerade.
Ich überlege kurz dieses Blatt morgen mit Ölfarbe auf Leinwand zu malen. Um mich zu erinnern. Gleich nach dem Aufstehen, in Bewusstheit, begleitet von grünem Tee als Symbol. Ich habe die Farben und Staffeleien noch alle irgendwo. Früher habe ich so gern und soviel gemalt. Es war so etwas wie mein Steckenpferd und ein Bereich, von dem ich mich selbst sagen hörte, es sei etwas, das ich ganz gut kann. Irgendwie kam mir mein Sinn und Zutrauen abhanden. Vielleicht fehlte aber auch einfach nur die Zeit. Das was ich im Kopf hatte, diese wunderschönen Bilder und Ideen, sorgsam ausstaffiert mit viel Sinn und Technik, passten nicht mehr zu dem, was sich real auf der Leinwand ereignete. Ich ziehe das Blatt noch einmal aus der Tasche, es wieder betrachtend, mich in den Formen verlierend. Es ist gar nicht die Sonne, die die Blätter so werden läßt, denke ich geistesgegenwärtig, es ist der kalte Wind, der den Winter bringt und auf den Phytohormone im Inneren der Blätter reagieren und das Chlorophyll ob des nahenden, immer wiederkehrenden Todes durch den Frost, daraus abziehen und sichern für einen Neubeginn im Frühling. Und es sind zuerst die äußeren, größeren Blätter, weil sie die meiste Sonne aufnehmen und deshalb dünner, schutzloser, aber dafür breiter sind. Das ergibt einen Sinn für mich Ich bin erstaunt über diese Reproduktion und Anwendung von lange vergangenem Abiturwissen und auch das Bildnis, das der Tod auch wieder das Leben hervorbringt, stimmt mich jetzt etwas zuversichtlich. Dabei ist diese Metapher mindestens so alt wie die Zeit selbst. Aber naja.
Ein Haus vor dem schönen Eingangsportal steht eine von diesen modernen Straßenlaternen, die sich unangehm hoch schlängeln und sich dann bis fast über die Hälfte der Straße in einem 90°-Knick hinüber beugen. Sie ist in einer erschreckenden Regelmäßigkeit abgewetzt und auch die vielen Spuckis und Klebis und sonstwas, die auf Demos und gegen Nazis hinweisen, wirken seltsam assimiliert eintönig. Der Lampenkopf ist quasi formlos mit fünf abgerundeten Kanten. Zwei unten und drei wie ein Dach oben. Sie steht dort wie ein Widerspruch zur ausufernden Gründerzeitkomposition der Gebäude meiner Straße und auch wie widersinning gegen mein eigenes Befinden wollen. Die Lampe verströmt dieses ultrasparsame, orange-gelbene Licht. Ich trete langsam, fast wie von einem Daumenkino geblättert, in ihren direkten Lichtkegel ein. Zunächst meine Hände und Schuhe, dann meine Arme und Beine, und letztlich mein Kopf und der ganze Rest werden in eine monochrome Farbwelt eingesogen. In ein depersonalisierendes Grau. Außerdem erhöht dieses Licht die Kontraste, lenkt die Aufmerksamkeit auf alles Bestehende und auch meine Hände wirken dadurch merkwürdig aufdringlich. Auf den städtischen Verkehrsknotenpunkten der Nacht mag das ja ein wünschenswerter Effekt sein, aber hier ekelt es mich geradezu an. Auch die Schönheit des Blattes ist verstrichen. Seine farbenfrohe Unverschämtheit ist ebenso der totalen Gleichmachung gewichen wie ich. In meinem Körper steigt aus der Magengegend eine irgendwie erweiterende Entspannung auf, so als würde mein Körper größer werden, als würde er heimlich wachsen. Ich habe das Gefühl nicht einen Schritt mehr machen zu können und es beginnt sich unangenehm zu steigern. Ich ignoriere diese Stimmung mit sofortiger Wirkung, hole tief Luft und wende mich wieder dem Licht zu. Das ist also die Moderne. Das versteh’ ich nicht. Das ist der neue Fetischismus, der um sich greift, der neue Sinn für die Natur; in industrieller Manie, in zeitgenössischer Zeitgeistlichkeit, schnell und mechanisch, werbetechnisch durcharrangiert,… Das goldene Zeitalter Arkadiens ist zurückgedrängt über die verschlungenen Rückwege getrieben in die letzten Winkel unserer Vorstellungskraft. Realität und Alltag sind der Nährboden des Urbanen, sind die Enkel der echoverseuchten Hallen in den Fabriketagen. Wenn es sie denn überhaupt noch gibt: diese Etagen.
Ich weiß jetzt auch endlich, was dieses erweiternde Gefühl in mir verursacht. Ich atme vertieft ein und mein Magen zieht sich in Absprache mit meinem verlängerten Rückenmark auf Kommando zusammen. Es kommt mir. Zunächst unternehme ich den leidlichen Versuch durch eine Schluckbewegung gegenzusteuern … vergeblich. Ich spucke den Missbrauch von zuviel Alkohol, von Gratis-Salzgebäck auf der Theke im Club, von verletztem Stolz und meine Verachtung, meine Würde und vielleicht auch einen letzten Rest meines Abendessens auf den Straßenbelag, der an manchen Stellen aufgeplatzt ist und das Kopfsteinpflaster darunter zum Vorschein bringt. Ha, der Strand unter dem Pflaster besteht aus Kopfstein! In den Ritzen des Strandes wachsen kleine Pflanzen. Das Ganze muss eine ziemlich bunte Mischung sein, was da auf den Bordstein geklatscht ist, aber durch die graumachende Licht der Moderne nicht ersichtlich werden kann. Ich falle auf die Knie und ein zweiter Schwall, diesmal wahrscheinlich weniger von Mageninhalt, als vielmehr von Gallensaft und Salzsäure dominiert, ergießt sich neben den ersten auf die Straße. Es beginnt unangenehm in meiner Speiseröhre zu brennen. Meine Nase läuft jetzt auch und meine Augen tränen. So heftig hatte ich das schon lange nicht mehr, stelle ich fest, während aus meinem Mund Würggeräusche ertönen. Ein paar Jugendliche fahren auf ihren Fahrrädern vorbei und der eine macht das Gleiche wie dieser Nelson von den Simpsons. Er stößt ein hysterisches: „HA, HA!“ in meine Richtung aus. Ob er dabei auch charakteristisch mit dem ausgestreckten Finger auf mich zeigt, kann ich nicht sagen, da mein Kopf konzentriert auf die Straße gerichtet ist. Die andern, dem Gelächter nach sind es zwei, kommentieren auch noch irgendwas, das ich aber nicht mehr verstehe, weil sie sich zielstrebig entfernen. Dann ist es vorbei. Das angenehme Gefühl, das sich normaler Weise nach dem Übergeben einstellt, bleibt mir dieses Mal nicht vergönnt. Ich stehe auf, meine Betrunkenheit scheint einer wiedererlebten Klarheit gewichen zu sein, und gehe zielstrebig auf meine Tür zu. Ich schließe auf. Die Tür fällt knackend hinter mir ins Schloß, als ich mich auf dem ersten Treppenabsatz befinde.
„Vielleicht bleibt ja was davon bis Montag oder wächst sich mit meiner Erkältung zu einer handfesten Grippe aus“, konstatiere ich beim Aufschließen der Wohnung zu mir selbst in die Dunkelheit, „dann hole ich mir einen gelben Schein.“

Krimi (Auszug) (6. September 2007)

von S.W.

Sie sitzt in ihrem Wagen, eigentlich sollte sie nicht fahren, aber die Macht über den Weg ist viel zu verlockend, als dass sie sie ablehnen könnte.

Sie hat einen genauen Plan im Kopf, den sie strickt verfolgen will. Auf der Route befindet sich unbedingt das Haus mit den auf die Fassade gemalten Sternzeichen. Es ist eines der ersten Gebäude, an das sie sich erinnert, hier in dieser Stadt bewusst gesehen zu haben. Schon als sie diesen Weg zum ersten Mal gefahren ist, hat sie dieses Haus bemerkt. Und auch wenn die Umgebung mit der Zeit und der Routine gewohnt, heimlich, von ihr bewohnt geworden ist, ist dieses Haus für immer fremd. Sie sieht es meist nicht einmal an, wenn sie daran vorbei fährt. Es zerstört die Gewohnheit und erinnert sie an die Fremde dieser Stadt. Sie, die wie eine Topfpflanze hier her gesetzt wurde – mit der Zeit verwurzelt. Es wächst eine Blüte, die die Zeit gebracht hat und die nur durch ständige Pflege, nicht aus sich heraus entstand.

An dem Haus angekommen, rast sie dann doch so schnell wie möglich vorbei. Gibt es ihr nicht die erwartete Fremde im Gegensatz zur Gewohnheit. Ungewöhnlich durch die Bemalung – faszinierend gewöhnlich. Links Richtung Park, hoch zur Freilichtbühne und parken. Gegenüber die Schrebergärten, die schon immer eine perverse Zerstörungslust in ihr geweckt haben. Das unheimlich heimliche: Die akkuraten Rasen zusammen mit diesen unzählig sauber verwischten Symbolen. Fahnen. Alles kreuz und quer, chaotisch und doch läuft es auf eine einheitliche Aussage hinaus. Da eine Südstaatenflagge, daneben Bayern-München. Deutschlandfahnen in Hülle und Fülle. Vereinzelt Pace-Wimpel mit imaginierten Anti-Amerika-Buttons – im Tiefgrund das neue Symbol des Nationalismus. Rutschen durch Farben, Farben mit Hintergrund. Geordnete Farben, die nirgends so gut zu einander passen. Überlegte Ästhetik ohne Schönheit. Barbie in Preußen. Sie wird euphorisch, wichtig, unüberlegt. Die Krone des Schrebergarten- Gebrüts – der Gartenzwerg – in seinem friedlichen Überdruss. Ist klar, sie braucht die sieben Zwerge, dessen Haus sie beziehen kann, von dessen Tellerchen sie essen kann, in dessen Bettchen sie schlafen kann. Die sie aufnehmen und sich um sie sorgen. Der Prinz ist tot und liegt ihrer statt konserviert in dem gläsernen Sarg.

Sie fängt an zu sammeln – möglichst unterschiedliche, die ihr in allen Lebenslagen Sicherheit geben können. Schleppt sie liebevoll zu ihrem Wagen, legt sie sachte auf die weiche, gepolsterte Rückbank. Mit zufriedener Sehnsucht kutschiert sie sie behutsam zu dem Haus, das bewohnt werden muss.

Einen nach dem Anderen stellt sie die Zwerge auf die geräumige Abstellfläche in der modernen Küche. Sieben Zwerge, sieben Aufgaben.

Den, der so grimmig darein schaut, stellt sie an den Eingang, neben den Schirmständer. Die beiden jüngeren, etwas bubimäßigen nimmt sie je sanft in eine Hand und geht ins Wohnzimmer. Der riesige Blutfleck auf dem chicen Teppich. Direkt davor stellt sie einen der beiden, damit er sie davor bewahrt, den Anblick des Verlustes alleine ertragen zu müssen. Der andere auf das Fensterbrett zu dem provisorisch reparierten Fenster, um eine weitere Katastrophe zu verhindern.

Bleiben noch vier. Drei nimmt sie und geht nach oben. Einer, der mit den sanften, vernebelten Augen ins Schlafzimmer auf ihren Nachttisch. Als Traumfänger. Einer, der etwas unbeholfen, unfertig, schlecht designt ausschaut neben den großen Spiegel, um ihr Selbstverliebtheit zu garantieren und der dritte, der unscheinbare ins Bad, in die Dusche, um sie nackt, in ihrer Intimität zu beobachten.

Unten wartet auf sie der letzte Zwerg. Nach ihm musste sie am längsten suchen. Er sollte besonders klassisch sein, so wie man sich im ersten Moment einen Gartenzwerg vorstellt, wenn das Wort das Bewusstsein erreicht. Und er musste klein sein, so dass sie ihn überall hin mitnehmen kann. Der Däumling sozusagen, von dem nur sie weiß, dass er da ist.

Projekt – Flut (Teil I. & II.) (9. Mai 2007)

von S.W.

In dem unabdingbaren Bedürfnis nach frischer Luft macht er sich auf den Weg. Zum Strand, natürlich. Denn in seiner Erinnerung ist nirgends die Luft frischer.

Langsam kann er den Deich schon erkennen. Es ist alles verhältnismäßig kitschig: die Felder, mit der kleinen holprigen Straße, der Sonnenuntergang, die Möwen und zu allem Überfluss zirpende Grillen im Hintergrund. So viel Idylle war anfangs nicht geplant. Es sollte eher etwas schlichter, vor allem näher an der Wirklichkeit sein. Vielleicht hätte schon eine von diesen Mülltonnen, die während der Fahrt bedient werden können, am Wegrand das Bild verändert. Der Drahteimer mit diesem riesigen Schlund als Aufsatz. Rundherum Weggeworfenes aller Art. Essensreste, Eispapier, Kinderschuhe, Batterien und eventuell einen platten Autoreifen. Er könnte sich jetzt ausmalen, wie die Kinderschuhe zu ihrem bemerkenswert poetischen Ende gekommen sind, aber das lässt sein Style nicht ohne weiteres zu. Schließlich ist er nicht hier, um sich in pseudo-romantischen Geplänkel zu verliehen. Er will sich einmal richtig durchwehen, durchspülen lassen.
Unwillkürlich hebt er den Blick von der Tonne zum Deich. Da kommt ihm ein Mann entgegen. Einer von denen, die mit sechzig immer noch agiler sind, als er je war und einen noch flippigeren Hund bei sich haben, der so gut erzogen ist, dass man am liebsten auf den Schwanz treten würde, damit er endlich mal so richtig zubeißt. Ein kurzer Impuls packt ihn, der ihn anhält zu verschwinden. Doch es schaltet sich zu seinem Glück das Hirn ein, welches ihm mal wieder schnulzig eintrichtert, dass er keinen Grund hat zu verschwinden. Moin. Hallo. Und alles ist vorbei.

Urplötzlich überkommt ihn das euphorische Bedürfnis noch einmal umkehren zu müssen. Zum Shop. Er benötigt Rotwein. Wer behauptet hat, „the drugs don’t work”, hat noch nie wirklich welche gebraucht, raunt er als Entschuldigung zu sich selbst. Fertig mit der Welt kehrt er um. Zwei Euro Fünfzig, damit kommt er meist nicht weit, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn schon kein Kitsch, dann wenigstens Floskeln. Kitschige Floskeln. Melodramatik schreit förmlich nach Rotwein. So laut, dass er nichts dagegen einzuwenden hat. Das optimistische Gefühl, dass er schon etwas für sein Geld bekommen wird, durchflutet ihn. Er ist endlich da: Lässig betritt er das verschraddelte Gebäude. Und, siehe da, als wäre es glückliche Fügung, es gibt einen Wein für zwei Euro zwanzig. Rot. Trocken. Das reicht definitiv als Kriterium. Aber wie öffnen?

„Also, Hallo, ich würde ja gerne diesen Wein hier kaufen, aber durch diesen Plastikaufsatz kann ich unmöglich entscheiden, ob das ein Drehverschluss oder ein Korken ist.”
„Das weiß ich auch nicht.”

- Pause –

„Darf ich vielleicht nachschauen.”
„Wie denn das?”
„Na, ich könnte das Plastik da oben abfriemeln.”
„Ja, also, das geht nicht. Die kann ich danach ja nicht wieder ins Regal stellen.”
„Verstehe.”
„Ja.”
„’Ham Sie denn ‘nen Korkenzieher?”
„Nein.”
„Auch nicht.”

Auf so eine Situation war nicht vorbereitet. Dass es hin und wieder Komplikationen gibt, klar. Aber keinen anderen Ausweg zu haben, als den Korken möglicherweise reindrücken zu müssen, das erscheint ihm schon irgendwie ungerecht und in der Situation wenig angebracht.

„Okay, ich kauf die Katze im Sack.”
„Is schon klar, nötig was?”

Das musste jetzt aber wirklich nicht sein. Ein so derber Rückschlag bringt ihn schneller ins Taumeln als ihm lieb ist. Und er kramt sein letztes Kleingeld auf den Tresen, was die Konnotation der Situation nur zusätzlich verstärkt. Hektisch verlässt er den Shop, für einen Spiel-Mir-Das-Lied-Vom-Tod-Abgang fehlen ihm eindeutig die Nerven – er flieht eher als das er geht. Dieser Auftritt war weit entfernt davon als elegant durchzugehen, nicht mal ein wenig schrullig. Die Idylle wär damit jedenfalls zu genüge gestört – was ihn wieder an sein Vorhaben erinnert. Im Moment hält ihn dann aber doch eher der Gedanke an die nächste schutzbietende Wegbiegung auf trab. Denn da kann er sich endlich vergewissern, ob ihn sein soeben erworbener Artikel zufrieden stellt. Auch wenn er einwenden könnte, er müsste eigentlich schon jeden Funken Stolz in dem Lädchen versprüht haben, fällt ihm dieser Schluss schwer. Letztlich ist die Bedeutung dann doch komplexer: Jetzt die Plastikhaube runter zu reißen, würde einen zweiten ähnlich fundamentalen Zusammenbruch seines Innenlebens bedeuten, welches sich in der Regel nicht damit begnügt, einfach mal lässig in Trümmern liegen zu bleiben. Sondern schon während der Totalvernichtung beginnt – er hat zu dem Zeitpunkt meist noch nicht einmal kapiert, was eigentlich los ist – alles wieder pedantisch zusammenbauen zu wollen. Ein folgender zweiter Beschuss bedeutet also völlig neue, ähnlich verwüstende Detonationen. Der Wein, den er im Moment noch nicht getrunken hat, was die Situation für ihn entspannter gestaltet hätte, umklammert er ohne eigentlich Hoffung zu haben schon jetzt etwas von der Wirkung zu ahnen. Denn wenn die Zeit hier draußen bleibt wie bisher und innen alles etwas langsamer ist, wozu der Wein benötig wird, dann, paradox aber wahr, gleichen sich die Zeiten an. Wenn er einfach nur da sitzt – fließend, dann kommt ihm eine äußere Stunde unverhältnismäßig lang vor. Sein Innerstes rast aber währenddessen nur so an ihm vorbei. Ähnlich den Erklärungsversuchen in populärwissenschaftlichen Büchern über die alles bewegende und nichts verändernde Formel e = mc², in der ein Betrachter ein Objekt ganz langsam an ihm vorbei fliegen sieht, was aber nur daran liegt, dass der Betrachter sich im Verhältnis zum Objekt recht schnell bewegt. Wenn jetzt aber der Betrachter seine Geschwindigkeit drosselt, dann schießt das Objekt nur so an ihm vorbei. Während sein Nervensystem alles gibt, hat er die Kurve erreicht. Drehverschluss. Na, das nennt er mal Glück! Jetzt wo alles nur noch halb so schlimm ist, kann er auch noch warten, bis er da ist und sich in der Vorfreude verlieren. Das sieht er etwa zweihundert Meter als die beste Lösung in seiner Situation an, doch schließlich hat er sich überzeugt, dass saufen im Gehen viel weniger kitschig ist.

Seine Gedanken ergeben urplötzlich einen geistreichen Sinn, der ihn euphorisch werden lässt. Hat er sich doch selber auf ein Abstellgleis manövriert. „No one ever plans to sleep out in the gutter. Sometimes that’s just the most comfortable place.”. Genau. Und Chers! Niemand hat ihn dazu gezwungen, nicht mal seine Fähigkeiten. Rein ökonomisch betrachtet gibt es für ihn keinen Grund sich zu verpissen. Es der Welt, die sich einen Dreck um ihn schert, mal so richtig zu zeigen. Süchtig nach genialen Gedanken schreitet er vorwärts. So fühlt er sich wie ein Perlentaucher, der in der Flut seines Seins auf der Suche ist. Der fortwährende Mangel an Luft zum Atmen, an Sauerstoff, lässt ihn halluzinieren, was dem Ganzen keinen unscharfen Touch gibt, denn wo Wahnsinn und Realität verschwimmen, kann sie schließlich noch entheddert werden. Er steht wieder vor dem Müllschlund und ihn überkommt das ununterdrückbare Gefühl etwas abladen zu müssen. Doch hat nicht einmal was dabei, das er entbehren könnte. Denn, – und jetzt ist er dieser Halt versprechenden, wenig zermürbenden Floskel recht dankbar – umso weniger man zu verlieren hat, umso mehr Angst hat man davor. Spielt er nun ernsthaft mit dem Gedanken sich lieber neben seiner Tonne nieder zu lassen statt zum Strand zu gehen, vielleicht lässt sich ja am Ende doch noch was finden. Auto von hinten, schneller als notwenig – hält es jetzt auch noch an.

„Hey, wo willst du denn hin? Ich nehm dich ein Stück mit.”
„Hin?”

- Pause –

„Ich will eigentlich nicht mitfahren.”
„Schon klar, seh ich so furchterregend aus?”
„Nein….”
„Ach so, also hier ist ja nichts los, da kann man doch schon mal ein bisschen Gas geben. Bist doch auch jung.”

Beleidigt, dass er auf so brutale Weise daran erinnert werden muss, knallt etwas ihn ihm durch: Seine Beherrschung welche durchaus vergleichbar mit seinem Selbstschutz ist, das im Normalfall den Königsweg des prosozialen Verhaltens wählt. Aber heute befindet er sich jenseits seiner Normalität.

„Aber hier gibt es doch auch Hunde.”
„Hunde.”
„Na, gerade eben vor einer halben Stunde hab ich hier noch einen gesehen. Der war putzmunter.”
„Putzmunter.”

Er könnte die Situation jetzt mal so richtig nutzen, um sich mal wieder gründlich auszukotzen. Aber er hat sich einfach zu sehr von dem verständnislosen Gesichtsausdruck ablenken lassen und einen Augenblick zu spät für den längst zusammengedrängten brodelnden Schwall angesetzt. Das Mädchen gibt schon wieder Gas. Er bekommt nicht einmal eine staubige Wolke ab, was ihm zumindest einen idealen Anlass gegeben hätte seine Wut abzulenken. Er greift die Gelegenheit beim Schopf und zitiert sich selber: „Es gibt sie nämlich doch – die Anderen!” Eine seiner größten Erkenntnisse der letzten Gedanken-Sessions. Was bringt ihm der City-Modus, wenn er ihn nicht mehr abschalten kann. Er ist leichter zu lernen als er zunächst angenommen hatte, das Scannen, das Handeln, das Ausweichen – was seine volle Aufmerksamkeit erfordert hat. So kann es doch eine Lebensaufgabe sein, aber nicht seine, eben die der Anderen. Lange hat er dem friedfertigem Gedanken gefrönt, die Anderen wären nur ein Konstrukt jedes Einzelnen. So hat er sich doch in dem Traum geschaukelt alle wären im Prinzip Andere, was genau so ein Quatsch ist, wie: „Jeder ist ein Ausländer, fast überall.”. Was einfach mal zynisch vergisst, dass er in Belgien definitiv anders betrachtet wird, als die meisten Anderen. Womit er gerade sein eigens für sich definiertes Wort verwischt hat und ihn veranlasst ein paar zusätzliche Botenstoffe durch seine Synapsen knallen zu lassen.

Länger als geplant denkt er darüber nach das Thema zu wechseln, denn schließlich wollte er es nicht noch mal aufrollen. Auf der anderen Seite denkt er einfach gerne, die ihm noch eher neuen Windungen seiner Lebensphilosophie. Da bekannt, kann er einfach durch sie hindurch rutschen.

….

Der Wein gibt ihm nun das nötige Selbstvertrauen das existentielle Rumgeeiere weiterhin zu rechtfertigen. Ihm ist durchaus klar, dass er morgen früh oder vielleicht schon auf dem Rückweg aus einem völlig andern Blickwinkel auf seinen jugendlichen Leichtsinn blicken wird, der wohl treffender mit diversen Konstrukten, die im allgemeinen Richtung Narzissmus gehen, beschrieben werden kann. Es greift nämlich auch hier die verquere Logik der Psyche und nach dem Aufstieg folgt eine sprichwörtlich rasante Talfahrt, welche erfahrungsgemäß auch nicht gerade ein Fall in ein Meer von plüschigen Kissen ist. Dieses Wissen hält ihn dennoch nicht im geringsten davon ab vorwärts zu blicken. Denn wie gesagt, hat er es sich doch selber ausgesucht, in dem von ihm geschaffenen Moment zu schwelgen. Da fällt ihm wieder eine Zeile oder eher der Sinn eines der Lieder ein, die ihn augenblicklich in ein Spiegelkabinett katapultieren und er gezwungen ist sich unverblümt mit sämtlichen Verzerrungen und von allen Seiten betrachten zu müssen: Er, der Interpret – dem er ganz nebenbei bemerkt sofort einen Altar bauen würde, um ihn direkter anbeten zu können, wenn das nicht eigentlich schon in seiner Jugend hätte erledigt werden müssen – sei sich nicht mehr sicher, was genau noch mal das Problem gewesen war, das das ganze herumdiffundieren ausgelöst hat – die Gründe seinen längst über alle Berge, aber das Gefühl bliebe. Das kann er nur immer wieder abnicken. …. . Allerdings reicht diese spontane Eingebung dazu aus, das allgemeine Ruhepotential öfter als für seinen Blutdruck gesund, in seinem Nervensystem aufzulösen. Da die festgelegte Amplitude unabhängig von der Stärke des auslösenden Reizes ist, heißt es für die Zellen Alles-oder-Nichts, Entweder-Oder, usw. Nach dieser grundlegenden Entscheidung geht es dann erst so richtig los: positiv geladene Natrium Ionen knallen in Scharen durch die Zellmembran in das Innere, währenddessen nutzen einige positive Kalium Teilchen ihre Chance der Zelle zu entkommen. Pflichtbewusste negative Chlor Ionen probieren der ganzen positiven Stimmung ein Ende zu setzten, sind aber letztlich zum Scheitern verurteilt. Positive Spannung ersetzt die gewohnte negative – natürlich nur für kurze Zeit. Der Sog der permeablen Membran lenkt vieles wieder in ihre vorgesehenen Bahnen und die zuverlässige Kalium-Natrium-Pumpe tut den Rest. Dieser Kohlenhydrate fressende Aufwand führt ihn zu der Frage zurück, was er sich eigentlich von dem durchfluten seiner Existenz verspricht und ob er überhaupt einen Anlass dafür hat anzunehmen, er sei grundsätzlich bereit dazu – ob das wirklich der Grund für seinen inszenierten Selbstabsturz ist. Denn das wäre dann sogar für seine Verhältnisse etwas zu paradox. Wobei ihn der Gedanke beflügelt und einen Augenblick lang dermaßen verzaubert, dass er sich hinreißen lässt zu glauben, was er eben gedacht hat.

Sinnbildlich schüttelt er den störenden hoffnungsvollen Gedanken ab, denkt er heute doch nicht der Äsethik wegen. Besinnung auf sein momentanes Bild folgt: In Jeans, schnittigem T-Shirt und Chucks – der Jugend wegen – hängt er neben der Mülltonne und kann sich immer noch nicht so recht entschließen sich zu setzten. Diverse bestimmende Gefühle wie Stolz oder Selbstachtung halten ihn davon ab und lullen ihn mit den Strand betreffenden verlockenden romantischen Versprechungen ein. Okay …. verlässt er seine liebgewonnene Tonne und taumelt ein wenig weiter. Den City-Modus-Gang hat er gänzlich verloren. Mittlerweile geht er mehr aus den Kniegelenken heraus, weniger aus der Hüfte – will er dabei immer noch lässig aussehen, so bleibt ihm gar nichts anderes übrig als langsamer zu werden, denn die Schritte sind nun viel kleiner. Lässig und hektisch lässt sich erfahrungsgemäß nur sehr kompliziert verbinden. Dazu fehlt ihm nun wirklich die Geduld. Zu seinem unverschämten Glück geht die Sonne nun langsam unter, was ihn seinen Zustand irgendwie als natürlicher anerkennen lässt. Schließlich befindet er sich nun an dem Punkt, an dem der Alkohol systematisch mit der Betäubung beginnt. Es blubbert, schwingt und knallt in seinem Hirn nun ein wenig dumpfer.

Damit wäre er nun vor dem Deich und macht sich an den Aufstieg – neben den Treppen der Dramatik wegen. Oben angekommen sieht er zu seinem blanken wenig inszenierten Entsetzten ein paar junge Leute, die so etwas wie eine Strandparty feiern wollen. Das symbolische Lagefeuer, das längst nicht mit den romantischen Dimensionen eines Hollywood-Krachers mithalten kann, ist nach seiner Analyse jedenfalls nicht der Grund, warum die damit assoziierte fröhlich sorglose Stimmung nicht so recht aufkommen will. Im Grunde sieht er sich einem Haufen Menschen gegenüber, die weder schnittig noch schrullig sind und daher etwas unförmig wirken, was noch durch die unbeholfen provinzielle Interpretation der gängigen Mode unterstrichen wird. Dieser Gruselschocker wird endgültig durch die äußerst furchterregende Musik abgerundet. Er, als jemand, der schon so einiges an Veranstaltungen mit einem mehr oder weniger musikalischen Hintergrund besucht hat, dachte eigentlich, dass ihn nichts mehr umhauen kann: Er denkt da nur an die Metall-Band, die er einmal in einer Kneipe gesehen hat …. Wenn irgendwer auf die Toilette wollte, musste man über die Bühne klettern. Die Gelegenheit hat sich der Sänger – oder treffender – Interpret, nicht nehmen lassen und alle einmal richtig angebrüllt: uahhh, wahhh, brrr, etc. Erst nach dem Konzert, als die Band am zusammenpacken war, hat er erkannt, dass es sich offensichtlich um eine norwegische Gruppe handelte. In welcher Sprache die Texte waren? Damit ist er endgültig überfragt. Aber die gegenwärtige Situation war da etwas völlig anderes. Es stört ihn gehörig in seiner Destruktivität. Übertrifft es seinen Zustand doch um Dimensionen, hier kann einfach nichts mehr zerstört werden, denkt er selbstgerecht. Sind sie doch weit davon entfernt sich in seiner Lage zu befinden, die immerhin bedeuten in der einen oder eben auch anderen Richtung überhaupt etwas zu bemerken. Ein bisschen Gerechtigkeit steht ihm da schließlich zu. Er kann nicht einmal genau sagen, um was für Musik es sich handelt. Volksmusik. Besonders grotesk in seiner Vorstellung ist, dass sich noch nicht einmal generationsabhängige Melodien herauskristallisiert haben, geschweige denn Texte. Das gegenwärtige Problem, dass sich der Schall am Strand relativ ungehindert ausbreiten kann, muss ihn nun vordergründig beschäftigen. Es gibt einfach zu wenig Möglichkeiten an denen er abprallen kann und seine Verursacher mit dem Ergebnis konfrontieren könnte. Bei diesem Gedanken drängt sich wieder sein neues Selbstmotto in das mittlerweile eindeutig gehandicapte Bewusstsein; will er sich schließlich nicht mehr von den Anderen ablenken lassen. Lass sie doch, will er sich überreden, doch eigentlich weiß er genau, dass das zu viel von ihm verlangt ist. Haben sie ihn letztlich zu oft getroffen, ohne dass er auch nur einen Versuch unternommen hätte das Drama abzufangen.

Jetzt haben sie ihn auch noch entdeckt und seine langwierigen Gedankengänge habe ihn mal wieder davon abgehalten ein vernünftiges Fluchtverhalten an den Tag zu legen. Statt dessen steht er nun blöd einem Haufen experimentell saufender Teenies gegenüber und ist auch noch völlig überfordert.

„Hey Süßer!“, kreischt das damit enttarnte Alphaweibchen zu ihm hoch. „Kann ich deine Telefonnummer haben!“

Er fragt sich, wie noch mal diese Mädchen zu ihrem Rang kommen, meist sind sie nicht mal sonderlich schön.

„0173 – 632216153.“, brüllt er gnadenlos die ganze Wahrheit zurück.

Verunsicherung – jetzt wenigstens auf beiden Seiten.

„Was!“
„0173 – 63 –22 – 16 –15 – 3.“
„Danke.“

In Unkenntnis darüber, was nun mit dieser Information geschehen wird, versucht er der Situation zu entkommen. Runter, zurück zu seiner Tonne kann er jetzt leider auch nicht mehr; einmal hier oben muss er auch das Gesicht wahren und vor seinem Publikum zu seiner Entscheidung stehen. Er dreht sich nach links, was sich von selbst versteht, und geht erst einmal ein Stück. Immer aufmerksam, wann nun endlich der letzte Rest dieser ästhetischen Katastrophe verebben wird.

Völlig gestresst erreicht er nach einer Ewigkeit die Grenze der Schallreichweite und seine Nackenmuskulatur beginnt langsam mit hilfeversprechenden Entspannungsübungen. Wütend stellt er fest, dass er völlig den Faden verloren hat; muss er nun darüber nachdenken, was bisher passiert ist. Erschreckend, wie wenig er geschafft hat! Panisch sucht er nach einem vielversprechenden Gedanken, an dem er anknüpfen könnte. Der Müllschlund, den er verlassen musste, könnte eine bedeutsame Metapher werden, wenn er sorgsam damit umgeht und nicht ständig anfängt, wie sonst, aus purer Zerstörungslust heraus, alles gnadenlos zu verwischen. Er ist unterwegs, er ist alleine, er traut sich sich selbst zu – so weit die Voraussetzungen.

….Fortsetzung ist schon fast fertig! Und folgt!

Liebe aus der Tüte (30. März 2007)

von S.W.

Kochen, sie wollen zusammen kochen. Aber was? Sie hat gesagt, er soll einkaufen, er wüsste ja was sie mag. Erst mal Wein. Italienischer vielleicht. Das Regal lässt einen Stümper wie ihn noch dümmer aussehen. Es ist ja nicht so, dass ihm der Wein völlig egal wäre, aber er hat keine Ahnung. Seine Überlegungen zu dem Thema haben zwar eine gewisse Logik, aber die beschränkt sich jediglich auf die Optik. Er steht also nun vor dem Regal. Erst mal die italienischen suchen, denkt er. Bourduax ist französisch, hier also nicht, weiter einen kleinen Schritt zu Seite. Merlot, auch französisch. Chianti, aha, richtig. Aber welche Flasche. 1,99 kann man wirklich nicht trinken, die Zeiten sind irgendwie vorbei. Auch wenn er sich manchmal gerne heimlich eine 1,99iger kaufen würde. Meine Güte, denkt er, der Geschmack meiner Jugend besteht aus verdünntem Essig mit rotem Farbstoff. Irgendwie unwürdig. 2,99? Die mittzwanziger Preisklasse. Er hält Ausschau nach einem Etikett, was es nicht nötig hat, mit Werbung zu protzen. Schlicht muss es sein. Und italienisch. Da, 12,5% und Chianti und 2,79.
Jetzt das Essen: Lasagne-Platten, Tomatenmatsche, Knoblauch, Zucchini, Aubergine, Basilikum, Mozzarella, fertig, Kasse.

Während er in der kurzen Schlage vor der Kasse steht stochern seine Gedanken in ihm, warum hat sie das bloß nicht erkannt wie schön die Situation war, wie schön sie hätte sein können. Warum hat sie sie einfach zerstört. Sie ist eben nicht perfekt, denkt er gnädig. Zu einer Beziehung gehört eben, die Fehler zu akzeptieren, denkt er. Sie ist halt ein wenig unsensibel, möglicherweise eher Ich-bezogen. Aber, glaubt er, er mag sie schließlich. Und deswegen will er jetzt auch für sie kochen. So richtig mit allem drum und dran, beschließt er, als er schon alles bezahlt und eingepackt hat.
„Kann ich die Tüte kurz hier stehen lassen? Ich hab noch was vergessen, muss noch mal kurz rein.“
„Kein Problem, geben `se mal her.“
„Danke“
„Och, nichts zu danken.“

Vorspeise – Salat oder Suppe? Salat, lässt sich besser vorbereiten. Avocado, Ruccola und Tomate. Für das Dressing, weiß er, hat er noch alles zu Hause. Dessert – Mich, ha ha, wer hasst diese blöden Witze nicht? Aber trotzdem kommen sie einem immer wieder in den Sinn. Und man lacht nicht mal selber drüber. Okay, Dessert, Tiramisu, keine Zeit mehr dafür. Kaffee, Kaffee sowieso, aber noch was Süßes, für meine Süße – oh Mann – mit Schokolade. Mouse’o’chocolat! Gut! Zurück nach Hause. Vorbereiten.

Sie sitzt immer noch auf der Bank. Was bewegt sie nur so, fragt sie sich. Wieso ist es ihr so wichtig, dass die Menschen sie nicht vergessen. Im Grunde hat sie sie doch auch längst vergessen, und woher will sie eigentlich wissen, dass es den andern nicht auch so geht. Dass sie den selben Wunsch haben – nicht versessen zu werden. Aber was hat sie davon von Fremden nicht vergessen zu werden, sie würde es nicht einmal merken? Ist es nicht viel wichtiger von denen die sie kennt, bemerkt zu werden. Ob er wohl an sie denkt? Ob jemals an sie denkt? Wenn ja, was? Was denkt er, wer sie ist. Wen sieht er?

Gregor macht sich Gedanken. Kochen, sie steht auf Ambiente. Es muss stimmen. Ein Zusammenspiel aus Musik, Geschmack und Liebe. Das Kochrezept quasi. Musik? Welche Musik. Es muss irgendwie zum Essen passen. Italienisch. Aber keine Oper, zu schnulzig. La Travita? Sie steht auf Oper, sie mag die Dramatik. Aber La Traviata, das ist ja schon fast zu klischeehaft. Oder gerade deswegen, da bekommt das ganze in bisschen Trash, ein bisschen Stil. Das hat was. Dann braucht er aber auch Blumen, für den Tisch. Am besten Rosen. Und Servierten.

Ich liebe die Liebe, die Liebe liebt mich, doch den den ich liebe, der sieht mich nicht, denkt sie, und fragt sich, ob sie ihm damit Unrecht tut.

Der Knoblauch, der muss zuerst in die Pfanne. Knoblauch und Olivenöl, was für ein Geruch, man fühlt sich gleich äsethischer, geschmackvoller. Da kann quasi gar nicht mehr daneben gehen, wenn es schon so riecht. Jetzt die Zwiebel, erst der scharfe Geruch, dann sie Süße. Und das Gemüse. Wie es alles in sich aufsaugt.
Er widmet sich nun der Mouse oue Chocholat. Die muss schließlich noch in den Kühlschrank. Er hat die Schummel-Variante gewählt – aus der Tüte. Liebe aus der Tüte, denkt er. Aber was, wenn sie nicht einmal bemerkt, dass es aus der Tüte ist? Würde sie dann auch die Liebe aus der Tüte nicht bemerken? Er weiß, dass er sich da was zurecht bastelt. Das kann man nicht vergleichen, schließt er ab.

Aber was soll er denn sehen? Was zeig ich ihm? Er kann nur sehen, was ich ihm zeige. Wie banal. Warum ist eigentlich alles so simpel? Die Floskeln, sie sind meist wahr. Aber sie bedeuten nix. Sie bedeuten erst etwas, wenn man den langen Weg dorthin gefunden hat, die eigentliche Bedeutung selbst erfahren hat. Und dann, peng, kommen sie einen plötzlich in den Sinn. Aber in dem Moment werde sie selbstverständlich und damit bedeutungslos. Eine Floskel eben. Sie hat soeben, denkt sie, den Sinn einer Floskel verstanden. Ein Paradoxon. Der Sinn ist, sinnlos zu sein.

Liebe geht durch den Magen, das hat seine Oma immer gesagt, murmelt er genüsslich in sich hinein. Eigentlich hat seine Oma das nie gesagt, aber er sieht sonst kaum eine Berechtigung so etwas zu denken. Solche Floskeln geben der Sache irgendwie einen Sinn, sie beruhigen, man weiß was zu tun ist. Ja eigentlich sagen sie einem sogar, wie man sich fühlen soll. Also sie schreiben das Gefühl zwar nicht direkt vor, aber sie sind eine Option, die von den meisten gewählt wird, bemerkt er. So wird man wenigstens vorbereitet, lange bevor man je in eine solche Situation kommt. So gesehen stimmt das mit der Oma sogar ein bisschen; metaphorisch gesehen, natürlich. Der Gedanke macht ihn euphorisch, er hat das Gefühl etwas wichtiges erkannt zu haben.

Maria liegt der letzte Gedankengang eher quer im Magen, es betrübt sie auf subtile Weise. Um dem Gefühl zu entrinnen, bevor es eine handfeste Emotion werden kann, steht sie auf und fährt mit Tempo nach Hause. Vor dem Bahnhof hält sie an, sie will ihr Rad durch schieben.
„Ey Schickse, hast’de mal ein bisserl Kleingeld!“
„Wasch dich erst mal!“
Jeder hat das Recht auf eine Zeit der Klarheit. Gut und Böse. Kapitalist und Rebell. Wann hat sie sich das letzte mal so gefühlt, fragt sie sich. Wann hat die das letzte mal dieses Gefühl gehabt, zu den Guten zu gehören? Wie alt war er wohl? Der Junge in seiner sicheren Welt des Punk. 15 oder vielleicht 16? Die Lederjacke auf abgeranzt gemacht. Wie macht man das wohl? Fahren die extra ein paar mal mit dem Fahrrad rüber? Heimlich, ohne das die Kumpel es sehen, die wahrscheinlich auf ähnliche Art und Weise zu ihrem Look gekommen sind? Sie muss schmunzeln. Sie stellt sich den Jungen vor, wie er seine nigel-nagel-neue Jacke auf den gepflegten Rasen seiner Eltern ausbreitet ein bisschen Blumenerde draufstreuselt und dann mit Papas eingelagerten Winterreifen rüber rollert. Die Eltern stehen verständnisvoll am Fenster und haben ein ähnliches sentimentales Schmunzeln auf den Lippen wie sie jetzt. Gott, denkt sie, ich gehöre jetzt schon zu denen, die schmunzeln. Es ist wirklich vorbei, die Zeit. Wie sie ihn damals gehasst hat, diesen Blick, den wissenden Blick von den Älteren. Die sie irgendwie süß, aber auch nicht ernst zu nehmend fanden. (Dabei war das damals das wichtigste, ernst genommen zu werden. Aber hat sie sich damals selber ernst genommen? Eigentlich nicht, auch wenn es das war wonach die laut brüllend verlangt hat, hat sie doch selber tief in sich gewusst, dass sie eines Tages selber denken würde: Gott, was war ich süß.) Jetzt wo sie die Schwere wirklich spüren kann, den Ernst ihres eigenen Lebens bemerken kann, wünscht sie sich hin und wieder die Leichtigkeit zurück. Gefühle ohne Konsequenzen. Liebe als Weichspüler-Variante. Wunden die keine Narben hinterlassen. Pubertät – die Zeit des fühlen lernens. Floskeln!

Die Deko. Ein Tisch sagt schließlich was aus. Dass er sich Gedanken gemacht hat. Erstmal eher klassisch. Wein- und Wasserglas, Teller, Besteck, Servierte. Dann der Trash, der Prunk passend zur Oper. Rosen mit ein bisschen Efeu von der Hauswand. Perfekt.
Jetzt muss er sich noch passend anziehen. Jeans, weißes Hemd – natürlich legere aus der Hosen hängend – und schwarzes angeranztes Jackett. Fertig.

Maria ist nun zu Hause. Sie hat eigentlich nicht mehr viel Zeit, kriegt es aber einfach nicht hin einen Gang schneller ein zu legen. Sie ist so träge. Soll sie ihn vielleicht anrufen und bescheid sagen, dass es etwas später wird? Kommt es ihr pflichtbewusst in den Sinn. Doch sie entscheidet sich gegen die mögliche Diskussion und verzichtet auf die Dusche. Statt dessen schmeißt sie sich auf’s Bett und schiebt erst mal Nirvana rein. Ein Hauch von unverbrauchter Jugend umzingelt sie kitschig, klischeehaft. Drei Akkorde, eine verzweifelte Stimme und rebellische Texte. Nicht das sie ihn nicht immer noch irgendwie verehren würde. Aber sie kann sich nicht mehr völlig darauf einlassen. Früher hat das verzweifelt nihilistische eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. Heute sind die Dinge etwas anders, es würde eine Entscheidung bedeuten, die sie nicht mehr zu treffen im Stande ist. Aber es ein bisschen ausprobieren, ein kleines Stückchen zurück in die sichere Welt des Schwarz-Weiß, in die Zeit wo noch Umstürze gebraucht wurden um etwas zu fühlen. Und vor allem die Zeit, wo man sich beruhigen konnte. Der Sprung aus dem Fenster mit der Möglichkeit des Weges zurück. Das geht heute nicht mehr so ohne weiteres. Da kommt ihr etwas in den Sinn. Sie hat sich damals häufig gefragt, warum die Menschen weniger weinen, umso älter sie werden. Sie war sich damals nicht sicher, woran das liegen könnte. Bestenfalls natürlich an der Tatsache, dass mehr Lebenserfahrung, mehr Bewältigungspotential bedeutet. Sie macht die CD aus. Ein bisschen Wimperntusche und los geht’s.